Biologisch korrekte Kleidung: Bio Jeans

Öko-Projekt Ha Nam – die erste 100-prozentige Bio-Jeans-Veredelung der Welt

Wer sich mit dem Sündenfall Jeans und den Problemen kritisch auseinandersetzt, die die herkömmliche Jeans-Produktion der Umwelt, der Gesundheit und dem Leben der in der Textilbranche arbeitenden Menschen macht, kommt schnell zu dem Schluss, dass man eine herkömmlich produzierte Jeans nicht kaufen und/oder tragen darf. Umweltbewusste Jeansliebhaber greifen stattdessen zur Bio-Jeans. Doch auch hier ist Skepsis angebracht. Nicht jede als ökologische Jeans gepriesene hat tatsächlich eine bessere Umweltbilanz.

Ich wage sogar zu behaupten, dass es kaum eine wirklich öko-korrekte Jeans gibt. Doch eins nach dem anderen. Im meinem ersten Bio-Jeans-Artikel dieser Serie habe ich ausführlich beschrieben, warum die Produktion einer herkömmlichen Jeans die derzeit größte textile Umweltsünde der Welt ist. Als Alternative werden Jeans aus Bio-Baumwolle gehandelt. Doch sind Jeans aus Organic Cotton wiklich Bio?

Bio-Baumwolle: eine ökologische Alternative zu Baumwolle

Bio-Baumwolle wird auf der Grundlage öko-korrekter Prinzipien angebaut. Das heißt, das chemische Pestizide und Dünger nicht eingesetzt werden dürfen. Stattdessen düngt man mit Mist und Kompost. Der Boden hat so einen höheren Humusanteil und kann Wasser besser halten. Das spart Gießwasser. Anstelle der beim herkömmlichen Baumwollanbau üblichen Monokultur, sind Bio-Baumwoll-Bauern verpflichtet, einen sogenannten Fruchtwechsel einzuhalten. Das heißt: Vielfalt statt Einseitigkeit. Wechselnde Kulturen beugen einem Auslaugen des Bodens vor und halten die Zahl von Schädlingen und Krankheiten in Schach. Indem man gleichzeitig mehrere Kulturen anbaut, zum Beispiel Sonnenblumen wie häufig in Westafrika, lockt man Schädlinge, zum Beispiel den Baumwollkapselkäfer, von der Bio-Baumwolle weg hin zu den Sonnenblumen.

Geerntet wird die Bio-Baumwolle mit der Hand. Chemische Mittel zum Entlauben der Baumwolle, die im konventionellen Anbau üblich sind, um den Erntemaschinen die Ernte zu erleichtern, sind im Bio-Baumwollanbau verboten. Ebenso wie der Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen.

Zusammengefasst lässt sich festhalten, dass Bio-Baumwolle Umwelt und Gesundheit der Bio-Baumwoll-Bauern schont, Wasser wird allerdings nur teilweise gespart. Auch die Transportwege von Bio-Baumwolle sind größtenteils dieselben wie die der konventionellen Baumwolle. Für viele Jeansstoff-Fabriken ist es gleich, ob sie herkömmliche Baumwolle oder Bio-Baumwolle verarbeiten, sie zahlen ihren Arbeitern deshalb noch lange nicht gerechtere Löhne oder bieten ihnen gesunde und sichere Arbeitsplätze und sozialfreundliche Arbeitszeiten.

Bio-Baumwolle – wer will, wer kann sie verarbeiten?

Der Anteil der Bio-Baumwolle am gesamten textilen Fasermarkt beträgt laut Greenpeace gerade mal 0,1 Prozent. Zum Vergleich: Der Anteil konventioneller Baumwolle beträgt demnach fast 40 Prozent. Um die verhältnismäßig wenige Bio-Baumwolle rangeln sich viele. Kleine, ökologisch ambitionierte Abnehmer können mit den Preisen, die die großen Konzerne für ihre Massenware zahlen, oft kaum mithalten. Doch selbst, wer die Preise zahlen kann, muss bedenken, dass die technologischen Gegebenheiten der Textilindustrie es auch Großabnehmern schwermachen, Bio-Baumwolle in dem im wahrsten Sinne des Wortes Maße zu verwenden, wie es der Markt fordert.

Bio-Baumwolle wird wie herkömmliche Baumwolle auch in verschiedenen Garnstärken auf dem Markt angeboten. Wer eine Jeans produzieren will, kauft das Garn und lässt es weben. Aus Erfahrung weiß ich, dass kaum eine Weberei Bio-Baumwolle auf Lager hat. Aus technischen Gründen braucht man zum Weben des für Jeans typischen Denims, ein Gewebe, das Fachleute als Köper oder Kettköper bezeichnen, eine recht große Menge an Garn, mehrere Dutzend Tonnen sind schnell zusammen. Da man mit nur einem Gewebe nicht auskommt, wenn man  kreativ und modisch aktuell designt, braucht man also auch mehrere verschiedene solcher Bio-Baumwoll-Webstoffe. Selbst große Marktplayer kommen hier nicht nur an materielle Grenzen (Bio-Baumwolle, Preise), sondern da sie pro Gewebe die entsprechende Menge abnehmen müssen, brauchen sie für die daraus resultierenden Stückzahlen auch einen entsprechenden Absatzmarkt.

Das schmutzige Ende der Jeans-Produktion: die Jeans-Veredelung

Und damit nicht genug: Ein Ballen Bio-Baumwollgewebe ist schließlich noch lange keine fertige Bio-Jeans. Der Stoff muss gefärbt, geschnitten, genäht und veredelt werden. Und das ist ein schmutziges Geschäft: Zum Einsatz kommen teils giftige Chemikalien, bis zu 8.000 verschiedene weltweit derzeit, darunter: Azofarbstoffe, Lösungsmittel, Schwermetalle.

Fakt ist zudem: Bio-Baumwolle wird gemäß des aktuellen Modediktats veredelt, oft genauso wie herkömmliche Jeansware. Das heißt, in der fertigen Jeans aus Bio-Baumwolle (Organic Cotton) steckt am Ende nicht selten eine ähnliche oder gar dieselbe Chemiebrühe aus der Veredelung, wie in konventionellen Jeans. Ihre Veredelung bereitet also häufig dieselben Umweltprobleme wie die der herkömmlichen Jeans.

Klar, es gibt Jeans-Designer, die achten darauf, dass ihre Jeans mit möglichst wenig Chemikalien veredelt werden (Schadstoffbegrenzung), doch das sind Ausnahmen. Und selbst, wenn sie rohes Gewebe kaufen, ist dieses schon behandelt: mit einem Zeug namens Schlichte. Dazu gleich mehr.

Die weltweit erste produktionsreife ökologische Jeans-Veredelung: das Öko-Projekt Ha Nam

Das Öko-Projekt Ha Nam hat eine völlig chemiefreie Jeans-Veredelung entwickelt, bei der kein Abwasser anfällt. Die Jeans werden aus farbloser, roher Baumwolle genäht, die vor Ort in Ha Nam, 40 Kilometer von der Hauptstadt Hanoi entfernt, von der örtlichen Rohspinnerei (2 Kilometer vom Standort des Öko-Projekts entfernt), der Rohweberei (12 Kilometer vom Standort des Öko-Projekts entfernt) und einer Flach- und Rundstrickerei, wo Hans-Jörg Hamann (68), Entwickler und ehrenamtlicher Leiter des Öko-Projekts, mit seinem deutsch-vietnamesischen Team arbeitet, gekauft wurde. Dabei legt die Baumwolle also nicht mal 20 Kilometer Weg zurück! Ein ökologischer Pluspunkt!

(Noch) keine Bio-Baumwolle

Die derzeit vom Öko-Projekt benutzte Baumwolle stammt meist von indischen Baumwollfeldern, die konventionell bewirtschaftet werden. Das hat den Grund, dass das Öko-Projekt noch recht klein ist – Hamann spricht gerne von „Laborgröße“. An Bio-Baumwolle kommt Hamann in der Menge und gewünschten Vielfalt, wie er sie bräuchte, nicht heran. Aus oben genannten Gründen. Ganz klar, je größer das Projekt wird, desto eher könnte man dann auch noch den letzten Schritt gehen und auch Bio-Baumwolle als Rohstoff nutzen. (Das Veredelungsverfahren funktioniert selbstverständlich auch auf Geweben aus Viskose, Leinen, Hanf und Bambus.)

Bis dahin übernimmt Hamann den ungefärbten Jeansrohstoff (Köper) samt der darin enthaltenen Substanzen: zum Beispiel der sogenannten Schlichte.

Schlichte – Imprägnierung macht Fäden fit fürs Weben

Schlichte – so wird die Imprägnierflüssigkeit genannt, die vor dem Weben auf Fäden gesprüht wird oder in die die Fäden getaucht werden. Ein auf diese Weise beschlichteter Faden erhält höhere Glätte, Geschmeidigkeit und Widerstandsfähigkeit gegenüber mechanischer Belastung, wie er sie beim Weben überstehen muss. Das Schlichten ist nötig, denn ohne die Beschlichtung würde der stärker beanspruchte sogenannte Kettfaden aufgrund der stetigen Reibung mit dem sogenannten Schussfaden brüchig werden und am Ende reißen. Das Gewebe wäre zerstört.

Vor der Veredelung muss die Schlichte wieder aus dem Stoff – ganz gleich ob konventionelle oder ökologische Baumweolle – gelöst werden – Entschlichtung ist eine Umweltbelastung, die in der Textilbranche bis heute massiv praktiziert wird.

Die Schlichte besteht häufig aus Stärke (bei Jeans vor allem sogenannte CMC-Schlichte auf Basis von Kartoffelstärke, Reisstärke oder Zellulose). Hamann lässt die im Jeans-Stoff übliche Schlichte vorerst im Gewebe und nutzt sie für den von ihm entwickelten Veredelungsprozess. Erst an dessen Ende verbindet sich die wasserlösliche Schlichte mit den biologischen textilen Hilfsmitteln, die eigens für die Veredelung von Hamann entwickelt wurden, und wird gemeinsam mit diesen zurückgewonnen, um dem Künstler Hamann als Grundsubstanz für seine Malfarben zu dienen. Doch dazu komme ich später.

Jeans-Veredelung funktioniert auch ohne Chemie – produktionsreif

Zurück zur neuartigen ökologischen Jeans-Veredelung, die Hamann entwickelte: Jeansstoffe werden aus einem Kettgarn gemacht, das eine sogenannte Mantelfärbung erhielt, bei der der Faserkern weiß bleibt. Beim Schleifen oder Sandstrahlen beispielsweise wird er später wieder sichtbar. Die Mantelfärbung erfolgt im Regelfall in einem abwasserschädlichen Oxidierverfahren – ganz gleich, ob konventionelle Jeans oder Bio-Jeans.

Hamann dagegen nutzt statt konventioneller Chemikalien textile Hilfsmittel biologisch-pflanzlichen Ursprungs, die er selbst zu diesem Zweck entwickelte. Sein Veredelungsprozess ist ein biologisch-technologischer, kein chemisch-technologischer. Die Hilfsstoffe sind ess- und trinkbar. Sie werden nicht entsorgt, sondern komplett rückgewonnen. Im Zusammenhang mit der Entwicklung der biologischen Jeans-Veredelungs-Hilfsmittel entwickelte das Öko-Projekt Ha Nam umfangreiche Trocknungsverfahren und koppelte diese, so dass beliebige und kreativ gestaltbare Einlagerungen von Farbstoffen gelingen – in verschiedenen Fasertiefen, mit und ohne Faserummantelung. Letztendlich ergeben sich so weitaus mehr Effekte der Bearbeitung des Rohstoffs als bei der herkömmlichen Jeans-Veredelung. Verwendete Knöpfe, zum Beispiel aus Perlmutt, und Reißverschlüsse sind nickelfrei. Mitunter produziert Hamann Knöpfe auch aus den Abfallsubstanzen seiner Jeans-Veredelung.

Für seine Jeans-Veredelung erreichte Hamann internationale Patente, europäische und US-amerikanische. Das Entwicklungsprojekt erhielt die Höchstförderung der EU. Jetzt ist das Veredelungsverfahren produktionsreif.

Klimaneutrale Energiebilanz der Bio-Jeans aus Vietnam

Das Ganze punktet zudem mit einer nahezu ausgeglichenen Energiebilanz: Gebraucht wird eine geringe Feuchtwärme, die als Solarthermie gewonnen wird. Unter dem Dach der Produktionsräume des Öko-Projekts entwickelt sich ein Luftstau, der bis zu 80 Grad Celsius Wärme erreicht. Diese Solarthermie wird umgeleitet und zum Erhitzen des Wassers für die Veredelung benutzt. Pro Jeans braucht Hamann etwa 0,3 Liter Flüssigkeit. Zum Vergleich: Eine herkömmlich veredelte Jeans braucht tausende Liter Wasser zum Färben und Veredeln! 20 Jeans produzieren etwa drei Kilogramm Feststoffe als „Abfall“.

Textile biologische Abfallsubstanzen werden Malfarbe für einzigartige Gemälde

Doch dieser Abfall wird nicht entsorgt oder zum Recyceln abgeführt: Nein, Hamann macht daraus Malfarben, die er höchstpersönlich zu Gemälden verarbeitet. Seine Gemälde sind inzwischen zweites Standbein des Öko-Projekts, denn der Künstler stellt sie dem Projekt zur Verfügung. In 2012 zeigte er sie erstmals der Öffentlichkeit. Doch dazu mehr im nächsten Teil dieser Serie.

Das Öko-Projekt Ha Nam – mein Projekt, mein Team

Unbedingt erwähnen möchte ich, dass Hamann streng darauf achtet, dass in seiner Produktion alle Mitarbeiter überdurchschnittlich bezahlt werden, auch wenn das den Unmut der anderen Textilfabrikanten in Vietnam entfacht. Das Team hat „deutsche“ Arbeitsbedingungen und ist mit Herz bei der Sache, das garantiere ich. Denn ich bin inzwischen Teil des Teams. Ich engagiere mich ehrenamtlich für das Öko-Projekt Ha Nam als Presseverantwortliche. Weil ich an die ökologische Jeans-Veredelung glaube. Weil ich endlich mal eine echte Bio-Jeans kaufen will. Demnächst im Online-Shop des Projekts: auf www.flaxxxstore.de!

Foto: Öko-Projekt Ha Nam, Hans-Jörg Hamann

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