Wegwerfgesellschaft

Geplante Obsoleszenz: Es lebe der Versch(l)eiß!

Mein erstes von vier Kindern ist ein Mädchen, heute zehn Jahre alt. Schon während der Schwangerschaft mit ihr hatte ich mir geschworen, dass ich meiner Tochter nie, nie, nie eine Barbie-Puppe kaufen würde. Diesen Schwur habe ich nicht gebrochen. Sie bekam jedoch im Laufe der Jahre zwei Barbies geschenkt. Mein drittes Kind ist wieder ein Mädchen – bei ihr hab‘ ich erst gar nicht geschworen, keine Barbie zu kaufen. Hätte ich eh brechen müssen, den Anti-Barbie-Schwur. Sie hat heute, ach, ich glaube mehr als 20 von den Puppen. Und spielt damit Stunde für Stunde für Stunde. Tag für Tag für Tag. Und – welch ein Segen bei vier Kids! – auch sehr gerne alleine. Ich habe bis heute meine innere Abneigung gegenüber Barbies nicht überwinden können. Ich kann über meine Abneigung jedoch gut und gerne hinwegsehen, wenn meine Kleine damit glücklich und zufrieden ist. Warum ich das so lang und breit erzähle, hat einen guten Grund: Ich sehe an den Barbies, wie schnell die verschleißen. Und damit bin ich schon beim Thema des Tages.

Verschleißgesellschaft to go

hm. Fast hätte ich das „l“ in der Zwischenüberschrift vergessen. Dann stünde dort Versch…gesellschaft, na, Ihr wisst schon. Würde den Kern der Sache ja auch irgendwie treffen, oder? Zurück zu meinem Beispiel. Ich mache den Verschleiß unserer Gesellschaft heute mal an Barbara Millicent Roberts, so heißt Barbie mit vollem Namen, fest. Sie ist ja der Spielzeugklassiker schlechthin. Die erste Barbie-Puppe kam am 9. März 1959 auf den Spielzeugmarkt, vorgestellt auf einer Messe. Sie kostete damals drei Dollar, kann man bei Wikipedia nachlesen. Und bis heute ist ihr Siegeszug ungebrochen. Die Marke Barbie habe hierzulande einen Bekanntheitsgrad von 100 Prozent, heißt es bei Wiki weiter. Nun, mehr geht nicht. Jedes Mädchen besitze demnach sieben Barbie-Puppen. Drei wandern sekündlich über den Verkaufstresen. Doch das nur mal zur Dimension des Berges an verschlissenen Barbies, den wir alltäglich produzieren.

Barbie: Bestes Beispiel für Murks

Doch konkret zum Verschleiß der Barbie. Ich beobachte folgendes in unserem Kinderzeimmer: Kaum ist eine Barbie im Haus, und ich meine damit die originalen Puppen von Mattel mit entsprechend hohem Preis, schluck!, wird sie bespielt. Ausziehen, anziehen, ausziehen, anziehen uns so weiter und so fort. Schon nach kurzer Zeit geben die Nähte der Puppenkleider nach. Vor allem die bei Hosen. Natürlich muss Barbie gekämmt werden! Ihre Haare sind legendär! Gewaschen werden die Haare selbstverständlich auch. Und das alles ist eindeutig zu viel des Guten. Des Spielens. Des Herzens und Drückens. Nach gefühlt einer Woche, in der Tat sind es drei bis vier Wochen, sieht die einst strahlende Barbie-Puppe mit glänzendem und vor allem: kämmbaren und damit frisierbaren Haar aus wie Hexe Babajaga aus dem russischen Märchenwald. Und es kommt, wie es in einer Verschleißgesellschaft üblich ist: Eine neue Barbie mit jungfräulich schönem, weil unbespielten Haar muss her. Und deshalb haben wir inzwischen, ach, ich glaube über zwanzig Barbies im Haus.

Nun kann man sagen, dass Barbie eher eine Modelpuppe zum Sammeln ist. Mit der Kinder nicht spielen sollen. Gähn. Als Mutter von vier Kindern mit einer Mutter in einem Spielzeugladen als Verkäuferin zieht das nicht. Die kleinen Mädchen wollen mit ihrer Barbie spielen. Schlafen. Baden. Essen. Spazieren. Tanzen. Nur angucken, das geht gar nicht!

Doch fürs Spielen sind die Barbies offensichtlich nicht gemacht. Oder nur für ein zeitlich begrenztes Spielen. Was mich zum Verschleiß bringt. Der ist hier schnell auf der Tagesordnung. Ob bewusst oder unbewusst vom Hersteller mit verkauft – und von mir gekauft, keine Frage! – das ist Thema des Tages.

Geplanter Verschleiß: produziert, verkauft – und gekauft?

Der geplante Produkttod, der geplante Abnutz oder Verschleiß, auch Obsoleszenz genannt, ist Alltag in unserer Zeit. Er ist abzugrenzen von einer sogenannten Sollbruchstelle und dem natürlichen Verschleiß. Geplanter Verschleiß hat eine lange Geschichte. Schon 1932 lautete der Titel einer Veröffentlichung laut Wikipedia “ Ending the Depression Through Planned Obsolescence“. Demnach ist damit „heute ein Teil einer Produktstrategie“ gemeint, „bei der bewusst Schwachstellen in das betreffende Produkt eingebaut, Lösungen mit absehbarer Haltbarkeit und/oder Rohstoffe von minderer Qualität eingesetzt werden, die dazu führen, dass das Produkt schneller schad- oder fehlerhaft wird oder nicht mehr in vollem Umfang genutzt werden kann.“

Barbies Haare, sag‘ ich nur. Die Strategie geht zumindest bei mir auf. Wer den Zottelkopf einer ordentlichen Barbie noch kämmen kann, melde sich bitte bei mir. Ich reiße ihr dabei die Haare aus, den Kopf ab oder zerstöre meine mir heilige Bürste. Alles Murks, oder was? Die Reportage auf ARTE informiert ausführlich über die Hintergründe von Obsoleszenz in unserer Welt (Quelle: YouTube):

 

Murks, Murks, Murks – die Welt lebt davon?

Nun steht Barbie hier nicht nur beispielhaft für den Murks in der Spielwarenwelt. Sondern auch für den Verschleiß in der Technik. Also den geplanten Verschleiß. Auch wenn bis heute noch nicht belegt werden konnte, dass man schon 1924 die Lebensdauer einer Glühbirne bewusst begrenzt habe, um den Absatz zu steigern  … allein, dass man es hätte tun können, sozusagen als verkaufsfördernde Strategie …

Ist geplante Obsoleszenz böse oder gut?

Gemäß der (aus Erwachsenensicht) einfachen Barbie-Welt eine zugegeben recht banal klingende Frage. Über die sich tatsächlich aber sehr wissenschaftlich streiten lässt. Je nachdem, ob man den geplanten Verschleiß als Motor von Wirtschaft oder als deren Untergang, weil Verschwendung, ansieht. Wer mehr dazu lesen will, findet zuhauf Einstiege in die Diskussion im Netz.

Ich wünsche mir für mich und meinen Barbie-Haushalt zumindest bessere Barbie-Haare, dann bräuchte ich nicht ständig neue Modelle zu kaufen und der Müllberg an (die-kann-man-doch-noch-nicht-wegwerfen-)Puppen fiele geringer aus. Dass ich auch dann neue kaufen würde, schließe ich nicht aus. Dafür ist die Liebe meiner Tochter zu Barbie zu groß – und meine Liebe zu meiner Tochter.

Gesetz gegen geplanten Murks – Frankreich macht’s vor

Allerdings finde ich die aktuelle Entwicklung in Frankreich ganz spannend. Denn unser Nachbar plant laut aktuellen Medienberichten, ein Gesetz zu erlassen, das Teil eines Maßnahmepakets ist, das die Grünen eingebracht hatten, um die Abhängigkeit vom Atomstrom zu reduzieren, demzufolge nachgewiesene Fälle von geplanter Obsoleszenz in Frankreich als Betrug gewertet werden würden und mit bis zu zwei Jahren Haft und 300.000 Euro Geldstrafe belegt werden könnten. Die Nationalversammlung hat laut den Berichten diesem bereits zugestimmt. Auch wenn ich glaube, dass der Betrüger immer einen Weg finden wird, zu betrügen – das geplante Gesetz ist ein gutes Zeichen gegen eine Verschleißgesellschaft.

Foto: Doreen Brumme

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