Die Zeit läuft

tick, tack, tick tack – die Zeit läuft

Ich sitze hier gerade und versuche im Moment zu verharren. Für einen Augenblick die Zeit anzuhalten. Nur, um durchzuatmen. Um zurückzublicken. Auf ein Jahr, das mir so viel Schönes gebracht hat. Ein viertes Kind. Das inzwischen auf zwei Beinchen durch die Gegend wackelt. Unzählige Momente im Kreise meiner Lieben. Neue Sichten auf die Welt. Neue Weltansichten dank der Augen meiner Kinder. Ein neues Aussehen derselben. Neue Tiefen in alten Freundschaften. Eine verloren gegangene Freundin. Still(e)nächte, die alles andere als still waren und sind. Nur zum Verständnis: Seit dem 23.1. habe ich keine drei Stunden am Stück geschlafen.

Das Jahr 2014 war so voll. Voller Ereignisse, die mich freudig oder schmerzlich berührten, obwohl sie fern von mir geschahen. Voller Menschen, die mich berührten, buchstäblich oder nur im übertragenen Sinne. Ein Jahr mit Momenten voller (Todes)Angst, begründeter (Erdbeben der Stärke 5,6 auf der Richterskala) und unbegründeter (zig Begegnungen mit Spinnen).

Meine Großmutter sagte mir einmal, als ich zwölf war und ein Jahr bei ihr lebte, dass die Zeit immer schneller verginge, desto älter ich werden würde. Damals konnte ich damit nicht viel anfangen, heute kann ich die Lebensweisheit nur bestätigen. Mitunter scheint die Zeit mir heute sogar viel zu schnell zu vergehen. So schnell, dass mir Angst und Bange wird. Denn das, was da verrinnt, ist meine Lebenszeit. Oft frage ich mich abends, ob ich die Minuten des vergangenen Tages gut genutzt habe. So gut, dass ich nichts zu bereuen habe. Keinen Gedanken. Kein Wort. Keine Tat. Habe ich wertvolle Lebenszeit vergeudet?

Ich bedaure. Ich bereue. Abend für Abend. Denn immer gibt es Gedanken, Worte und Taten, die ich nicht zu meiner Zufriedenheit gedacht, gesagt oder getan habe. Meistens empfinde ich meine Unzulänglichkeit in meiner Rolle als Mutter. Viel seltener als Putzfrau, Köchin oder Wäscherin. Und noch seltener als Schreiberin. Das erkläre ich mir damit, dass ich das Muttersein nie so erlernt habe wie Putzen, Kochen, Waschen oder Schreiben. Während ich zum Beispiel die Schreiberei von der Pike auf gelernt habe und darin – bei allen Höhen und Tiefen, die der Beruf mir bisher brachte – inzwischen doch so erfolgreich als Freie bin, dass ich meinen Beitrag zur Existenzsicherung der Familie wohl leisten kann – auch wenn es noch immer nicht reicht, für eine der Zahl der Kinder angemessen größere Wohnung (wir leben immer noch auf 67 Quadratmetern in quasi zwei Räumen) – und von Auftraggebern offensichtlich gerne gebucht werde, ist das Muttersein etwas, das ich learning by doing absolviere. Im Job greife ich auf bewährtes Handwerk zurück, scheue nicht vor unbekannten, neu zu erlernenden Handgriffen zurück und fühle mich deshalb auf sicherem Terrain. Als Mutter hingegen verspüre ich viel weniger Sicherheit beim Tun und Lassen von Erziehung. Ich hoffe von ganzem Herzen, dass das, was ich denke, sage und tue, den Kindern wohl bekommt. Sie stark macht, wo sie Stärke brauchen. Mir gegenüber. Sich selbst gegenüber. Anderen gegenüber. Sie schwächeln lässt, wo Schwachsein keine Schwäche ist. In meinem Beisein. Mit anderen. Und allein mit sich selbst.

Meine Große wird in 2015 elf Jahre alt, mein Jüngster eins. Beider „Zügel“ werde ich ebenso wie die der beiden anderen Kinder dazwischen im kommenden Jahr lockern müssen. Wider meinen innersten Drang, sie alle niemals loszulassen.

Ich werde in 2015 44. Und bin im September zehn Jahre selbständig – also dem Finanzamt gegenüber. Ich vermisse seit 33 Jahren einen Vater – und die Lücke, die meiner zuerst mit seinem Fortgang von der Familie und dann mit seinem Fortgang von dieser Welt hinterließ, schließt sich sicher auch im kommenden Jahr nicht mehr.

Überhaupt. Das kommende Jahr. Es kommt. Kommt unaufhaltsam. Die Zeit läuft:

tick, tack, tick, tack …

Möge sie mir Gutes bringen. Leben. Liebe. Ganz viel davon. Und Euch ebenso. Ich wünsche mir weniger Kriege, in der Welt und in unserem Kinderzimmer. Eben las ich auf Facebook den Wunsch nach dem ersten Weltfrieden. Ein Wunsch, den ich teile. Und geteilt habe. Wohl dem, der den feinen Unterschied kennt.

Meine Lieben! Auf ein Neues. Jahr. Ich hoffe, eins mittendrin. In meiner Lebenszeit. Und in Eurer – wenn Euch Euer Leben lieb ist.

Foto: Doreen Brumme

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