Offener Brief an Hamburger Schulbehörde Geduld eines Sechsjährigen

Wann reißt der Geduldsfaden eines Sechsjährigen?

2. Offener Brief an die Hamburger Schulbehörde – unzumutbarer Schulweg für unseren Erstklässler

Die Wiki beschreibt Geduld als die Fähigkeit, „warten oder etwas ertragen“ zu können. Geduldig sei demnach jemand, der bereit ist, „mit ungestillten Sehnsüchten und unerfüllten Wünschen zu leben oder diese zeitweilig bewusst zurückzustellen“. Die Fähigkeit, geduldig zu sein, sei „eng mit der Fähigkeit Hoffnung“ verknüpft. Geduldig sei demnach auch derjenige, der „Schwierigkeiten, Leiden oder lästige Situationen mit Gelassenheit und Standhaftigkeit“ meistere.

In einem spannenden Beitrag auf der Seite „Liebe und Hirn“ weist die Autorin, nach eigenen Angaben eine Dreifach-Mutter, Diplom-Psychologin und Neurowissenschaftlerin, zudem darauf hin, dass Geduld leichter falle, wenn man Vorfreude auf das empfinde, worauf man warte. Geduld hänge demnach auch eng mit Selbstkontrolle zusammen. Ebenso mit der sogenannten Frustrationstoleranz. Den Moment, wo ein Kind an die Grenze seiner Frustrationstoleranz gerät, beschriebt die Autorin so: „Das ist der Moment, in dem das Kind aufhört, etwas weiter zu versuchen. Oder in dem es merkt, dass es nicht bekommt, was es möchte. Der Moment, in dem es nicht mehr in der Lage ist, seinen Frust hinzunehmen… Moment, in dem das Kind losschreit, um sich schlägt, einen Wutanfall bekommt, weint, in sich zusammensinkt… Das kann sich je nach Situation und Kind unterschiedlich äußern.

Liebe Hamburger Schulbehörde, liebe Sachbearbeiterin

unseres Widerspruchs gegen die behördliche Zuweisung unseres hoffentlich bald Erstklässlers an eine Grundschule, deren Besuch diesem nur über einen ihm unzumutbar langen und gefährlichen Schulweg möglich ist. Ich schreibe Sie, liebe Sachbearbeiterin, heute als besorgte Mutter unbekannterweise an.

Ich möchte Ihnen gar nicht wiederholen, was ich in unserem 1. Offenen Brief an die Hamburger Schulbehörde alles bereits geschildert habe – den haben Sie ja schon gelesen, da der neue alte Hamburger Bürgermeister Tschentscher (Gratulation!), dem wir unseren Offenen Brief an die Hamburger Schulbehörde auch gesendet hatten, diesen nach eigenen Angaben (siehe unten) an das Senatorenbüro der Behörde für Schule und Berufsbildung mit der Bitte übermittelt hat, dass Sie sich unseres Anliegens anzunehmen.

Sehr geehrte Frau Brumme,

vielen Dank für Ihre E-Mail an Herrn Bürgermeister Dr. Peter Tschentscher, die ich dem Senatorenbüro der Behörde für Schule und Berufsbildung mit der Bitte übermittelt habe, sich Ihres Anliegens anzunehmen. Bis zu einer Antwort von dort bitte ich Sie um ein wenig Geduld. Das Bürgerbüro wird sich unterrichten lassen. 

Vielmehr möchte ich Ihnen heute von der Geduld – oder sollte ich besser UNGEDULD schreiben? – unseres Erstklässlers berichten: Der besucht seit der teilweisen Wiedereröffnung seiner Grundschule nach der Schließung derselben wegen der Corona-Pandemie wieder seine schülerzahlenmäßig halbierte Vorschulklasse: In der ersten Woche für drei, alle weiteren Wochen für jeweils zwei Tage – und damit ist er sogar öfter in der Schule als seine drei älteren Geschwister, die jeweils nur einen Tag pro Woche ins Gymnasium gehen können, das nur einen Steinwurf von der Grundschule entfernt steht. Was soll ich sagen: Unser Kleiner genießt das Zusammentreffen mit seinen Freunden, zumindest denen, die er in seiner Klassenhälfte trifft, sehr und es fällt ihm nicht leicht, die vielen Tage ohne Vorschule, die zwischen den paar Tagen mit Vorschule liegen, abzuwarten. Doch die Vorfreude (siehe oben) auf das Zusammensein mit seinen Kumpels hilft ihm, geduldig auf seine Schultage zu warten.

Heute habe ich unseren Jungen von der Schule abgeholt. Wie jeden Tag fragte er mich, ob denn der „Chef von Hamburg“ (gemeint ist Bürgermeister Tschentscher) schon geschrieben hätte. Den er übrigens seit seinem Besuch im Hamburger Rathaus im Rahmen der Vorschule und seiner am Rednerpult der Hamburgischen Bürgerschaft laut geäußerten Forderung nach mehr Klimaschutz auf der Welt namentlich kennt. Wie jeden Tag seit Ende März, als wir unseren Schulzuweisungsbescheid zu einer Grundschule mit einem für unseren Sohn unzumutbaren Schulweg erhielten, musste ich unseren Sechsjährigen vertrösten und um Geduld bitten. Noch haben Sie, liebe Sachbearbeiterin, uns leider nicht geantwortet.

Unser Sohn erklärte mir daraufhin, dass nicht nur er, sondern auch sein bester Schulfreund sich wünsche, weiter mit ihm in die erste Klasse gehen zu können. Wir treffen L. regelmäßig auf dem Schulweg. Die beiden Jungs wollen auch im kommenden Schuljahr zusammen lernen und spielen. Heute durften sie schon ihre Schulranzen vorführen – das taten sie mit viel Kraft und mit großem Stolz.

Als Mutter bricht mir das Herz bei den Gesprächen mit meinem Sohn über seine Einschulung. Die Ungewissheit über das, was Sie, liebe Sachbearbeiterin, entscheiden werden, zermürbt mich. Ich bin mit meiner Geduld so gut wie am Ende. Ich schlafe schlecht und träume von Ihnen und Ihrem Bescheid. Dabei soll ich als Mama doch diejenige sein, die unserem Kind ein Fels in der Brandung, ein Leuchtturm im Sturm, ein Vorbild in Sachen Geduld ist.

Offener Brief an Hamburger Schulbehörde Geduld eines Sechsjährigen

Doch die Vorfreude auf das im Leben eines Sechsjährigen enorm große Ereignis Einschulung ist sowohl bei unserem Sohn als auch bei uns, seiner Familie arg getrübt. Jeder, dem wir die Entscheidung mitteilen, schüttelt angesichts des für einen Sechsjährigen unzumutbar langen und gefährlichen Schulwegs, den die Hamburger Schulbehörde unserem Kleinen offensichtlich zumutet, mit dem Kopf: Groß und Klein, Freunde, Bekannte, Ärzte, Anwälte. Alle drücken uns die Daumen, dass Sie, liebe Sachbearbeiterin unseres Widerspruchs, diesen so bescheiden, dass unser Sohn seinen gewohnten kurzen und viel weniger gefährlichen Schulweg weiterhin beschreiten kann.

Wir freuen uns über das Daumendrücken unserer Mimenschen, die Gebete, in die wir eingeschlossen werden, natürlich. Dennoch muss ich Ihnen, liebe Sachbearbeiterin schreiben, dass uns die Warterei auf Ihre Entscheidung vor eine fast zu große Geduldsprobe stellt. Eine, die den Geduldsfaden unseres Sechsjährigen inzwischen längst überspannt. Wir merken das daran, dass er Ängste äußert, Unsicherheiten zeigt, wo sonst Sicherheit und Selbstsicherheit herrschte. Unser Kind verliert seine seit langem unbändige Vorfreude auf die Schule zusehends, er verliert mit jedem Tag Wartezeit auf Ihre Entscheidung ein Stück seines Mutes – Mut, den jeder Sechsjährige braucht, um in der ersten Klasse durchzustarten. Selbstzweifel kommen stattdessen auf. Unser Sohn sagt Sachen wie: „…die anderen sind besser als ich“. Auf unsere Nachfrage begründet er dies damit, dass seine Freunde auf seiner Schule bleiben könnten, er jedoch nicht. Reden Sie einem Sechsjährigen solche Selbstzweifel mal aus! Schlimmer für uns ist aber noch: Unser Kind äußert konkrete wie diffuse Ängste. Er ist zwischendrin immer wieder tief betrübt und schläft oft traurig ein.

Die schwindende Vorfreude unseres Sohnes auf seine Einschulung und leider auch die Schule überhaupt, die wachsenden Ängste machen uns Eltern große Sorgen. Insbesondere, wenn wir daran denken, wie sich seine drei älteren Geschwister einst auf die Schulzeit und ihren Schulweg mit den Geschwistern und Freunden gefreut hatten. Selbstverständlich versuchen wir, auch in unserer Nr. 4 neue Vorfreude zu säen, aber das ist schwer in einer von Corona komplett verunsicherten (schulischen) Lebenswelt. Und trotz unserer Versuche befürchten wir zunehmend, dass der Schwung, mit dem unser Kleiner in die Schule geht, deutlich geringer ist, als der seiner Geschwister. Und mit dem Schwung, eine Form von Energie, ist das so eine Sache: Weniger Schwung bedeutet weniger Energie fürs Lernen und fürs Schulleben. Und noch weniger für Hausaufgaben nach einem langen Schultag. Sie, liebe Sachbearbeiterin der Hamburger Schulbehörde, verstehen sicher, worauf ich hinaus will: Den fehlenden Schwung müssen wir als Eltern, als Familie, als Lehrer ausgleichen.

Das ist eine über die gesamte Schulzeit laufende Sache, denn wir müssen den fehlenden Schwung langzeitig zuliefern: Denn Schwung braucht unser Schulkind, um morgens früh aufzustehen. Um sich zu sammeln, sich zu waschen, sich anzuziehen. Um seine Schulsachen zu ordnen und das Frühstücksbrot zu packen. Um zur Schule zu laufen. Um seinen Schulkameraden und seinen Lehrern selbstbewusst zu begegnen. Um Schulstunde um Schulstunde interessiert und konzentriert durchzuhalten und dabei zu lernen. Um sich im wuseligen Schulalltag zwischen HUnderten Kindern zurecht zu finden und nach der Schule heil und gesund wieder heimzukommen. Um dann seine Hausaufgaben zu erledigen. Um seinen Freizeitaktivitäten – bei uns in der Familie ist das viel Sport – mit Freude an der Bewegung nachzugehen. Um seine Freunde zu treffen oder die Oma zu besuchen. Um den Tag im Kreis seiner Familie zufrieden zu beenden und schließlich ruhig einschlafen und bis zum kommenden Schultag unbeschwert durchschlafen zu können.

Woher sollen wir Eltern, Geschwister und Lehrer soviel Schwung nehmen und weiterrreichen?

Ich bitte Sie, liebe Sachbearbeiterin der Hamburger Schulbehörde, deshalb um Verständnis, dass wir, insbesondere unser künftiger Erstklässler, mit unserer Geduld am Ende sind. Wir hoffen deshalb auf einen schnellen und unserem Widerspruch entsprechenden Bescheid von Ihnen! Damit sich unser Kleiner unbeschwert auf seine Einschulung in seiner Schule und auf seine Schulzeit freuen kann! Danke, dass Sie unseren Brief bis hierhin gelesen haben! Danke, dass Sie jetzt handeln!

Mit aufs Bearbeitungstempo drückenden doch zugleich besten Grüßen – bleiben Sie gesund!

Doreen Brumme und Familie

Fotos: Doreen Brumme

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