Feuerwanzen-Kolonie am Baum

Wie eine Feuerwanze uns überpünktlich zur Schule brachte

Als Kind nannte ich sie „Totenkäfer“. Heute weiß ich, dass es sich bei den rot-schwarzen Tieren um Wanzen handelt, sogenannte Feuerwanzen. Bislang fand ich sie schön, aber nur aus gebührendem Abstand. Doch seit Schuljahresbeginn besuche ich täglich einen Baum am Hamburger Kaifu, um das kribbelig-krabbelige Treiben einer ganzen Feuerwanzen-Kolonie mit Wanzen in allen Entwicklungsstadien zu beobachten – und das sowohl auf dem Hinweg zu als auch auf dem Rückweg von der Schule unseres Erstklässlers. Und siehe da, die Feuerwanze hat uns so manches beigebracht, unter anderem Respekt vor dem Leben, Verständnis für Familienzusammenhalt und sogar Pünktlichkeit!

Das Leben in einer Familie mit vier Schulkindern in der zehnten, achten, sechsten und ersten Klasse hat es in sich. Sowieso und überhaupt. Ganz besonders aber am Morgen, denn dann müssen sich Vater, Mutter und vier Kinder in den Tag stürzen. Mit minutiös ausgearbeitetem und an der Tür hängendem Zeitplan fürs Bad – unser Nadelöhr, denn wir haben zu Sechst nur das eine Badezimmer und auch nur das eine Klo darin – schaffen wir es aber jeden Morgen alle pünktlich in die Schulen und zur Arbeit. Irgendwie. Dabei gibt es jeden Morgen mindestens einen oder eine, der/die den ach so schön aufgestellten Plan null und nichtig macht, aus welchen Gründen auch immer.

Wenn der Wecker morgens in der Großfamilie klingelt

Meine Aufgabe als #motherof4 ist es, der Vater verlässt die Wohnung vor uns allen, die vier Schulkinder pünktlich aus dem Haus zu kriegen und Nr. 4 auch pünktlich an der Schule abzuliefern. Ehrlich: Ich hasse diesen Job, denn ich bin kein Frühaufsteher. Und schon gar kein Frühredner, Frühdiskutierer, Frühversorger, Frühstreitschlichter, Frühhausaufgabenmacher, Frühlernstoffabhörer, Frühwäscheraussucher, Frühputzer, Frühfrühstücksmacher, Frühnotenunterschreiber, Frühnotfallretter und und und. Ich stünde am liebsten mit dem saisonal variierenden Einsetzen der Helligkeit draußen auf und schwiege mich so richtig gemütlich in den Tag. Mit Kindern ist das ein Unding. Und mit vier Kindern in einer so kleinen Wohnung wie der unseren erst recht. Also stehe ich frühmorgens auf und stelle mich der Herausforderung. Täglich aufs Neue. Und scheitere daran an mehr Morgen, als dass es mir glücken würde.

Feuerwanzen beobachten
Nr. 4 beobachtet die Feuerwanzen, die es in allen Stadien des Wanzenlebens zu sehen gibt. Foto: Doreen Brumme

Für unsere Nr. 4 ist Schule noch lange kein „Ernst des Lebens“. Zu seinem Glück. Dennoch hat er mit mir eine Mutter, die auf Pünktlichkeit getrimmt wurde und diesen Wesenszug lebt und weitergibt. Als wir im August das erste Mal am Feuerwanzenbaum am Kaiser-Friedrich-Ufer (Kaifu) vorbeiliefen und die Wanzenkolonie aus dem Augenwinkel entdeckten und dann interessiert anhielten und sie in Ruhe betrachteten, ahnte ich nicht, dass wir dort fortan täglich stehenbleiben würden.

Ein paar Minuten täglich für die Feuerwanze

Morgens auf dem Schulweg plante ich daher ein paar Minütchen extra ein. Und das lohnte sich, denn mit der morgendlichen Aussicht auf die Wanzenschau hatte ich ein unschlagbares Argument, um Nr. 4 zügig aus dem Bett, ins Bad, aufs Klo, ans Waschbecken, in die Klamotten und in die Schuhe zu kriegen. Anfangs klappte das wie am Schnürchen. Mit der Zeit ließ das aber dann auch schon wieder nach. Schade. Vielleicht lag das auch daran, dass die herbstliche Kühle morgens dafür sorgte, dass die Wanzen sich versteckten und nur noch vereinzelt zu sehen waren. An manchen Morgen war gar keine einzige Feuerwanze mehr zu sehen. Ich hatte mein Lockmittel verloren!

Und dann passierte es heute morgen, als ich dem Ersklässler Brotdose und Flasche in seinen Ranzen packen wollte: Aus diesem kam eine Feuerwanze gekrabbelt.

Feuerwanze im Glas gerettet
Ganz vorsichtig krabbelt unsere Feuerwanze aus dem Glas, das Nr. 4 an die Baumrinde hält. Foto: Doreen Brumme

Ich rief Nr. 4, der noch mit der Zahnbürste im Mund angerannt kam und sich auf die Wanze stürzte. So, als würde er sie kennen. Während er noch bis vor kurzem nahezu jedes Krabbeltier trotz guten Zuredens ins Jenseits beförderte oder nach der Katze gerufen hatte, damit diese dafür sorgte, machte er sich um die Feuerwanze heute morgen offensichtlich große Sorgen. Sie wäre so alleine, vermisse bestimmt ihre Familie …

Feuerwanze – eine Familienzusammenführung

Ich schlug vor, sie vorsichtig auf den Balkon in unsere Erdbeeren zu setzen. Hauptsache raus aus der Wohnung, dachte ich mir. Doch da hatte ich meinen Kleinen unterschätzt. Er war sich sicher, dass die Feuerwanze gestern mittag bei unserem Stopp am Feuerwanzenbaum in seinen Ranzen gekrabbelt sei. Und er wollte unbedingt für eine Familienzusammenführung sorgen. Schließlich seien wir Schuld daran, dass das Tierchen bei uns gelandet sei. Also habe ich kurzerhand ein Glas gegriffen, er hat die Feuerwanze dort behutsam hineinbugsiert und ihr dabei die ganze Zeit gut zugeredet. Hab keine Angst, ich tue dir nix, ich bringe dich zurück zu deiner Familie … Dann haben wir den Deckel draufgeschraubt und sind im Feuerwehrtempo in Jacke, Schuhe und Helm geschlüpft und zum Feuerwanzenbaum gefahren.

Dort haben wir nach den Feuerwanzen geschaut, die schon wach waren und überlegt, zu welcher Gruppe wir unseren Besucher setzen sollten. Wir diskutierten das mögliche Alter unserer Feuerwanze und entschieden, dass es sich um einen Teenager handeln musste, der in einer ähnlich aussehenden Gruppe sicher schnell wieder Anschluss fände. Also wurde das Glas aufgeschraubt und wir warteten geduldig, bis unsere Feuerwanze herausgekrabbelt kam und ihre Verwandten begrüßte. Wir verabschiedeten uns bis zum Mittag und radelten weiter zur Grundschule, wo wir heute mit als Erste ankamen. Alle Fahrradständer waren noch frei!

Gerettete Feuerwanze
Und da ist sie wieder bei ihrer Familie (hoffentlich!): Unsere Feuerwanze (links im Bild). Foto: Doreen Brumme

Warum ich das hier so ausführlich schildere? Weil unsere Feuerwanzengeschichte recht gut zeigt, wie  gut es tut, im Alltag auch auf Kleinigkeiten zu achten und sich Zeit dafür zu nehmen. Ohne unsere alltäglichen Besuche am Feuerwanzenbaum wäre die Feuerwanze heute morgen wohl allerhöchsten zwischen unseren Erdbeeren gelandet. Die, und das sei hier ausdrücklich erwähnt, im Jahr 2020 zum zweiten Mal blühen und Früchte tragen – wir haben mittlerweile Oktober! Viel wahrscheinlicher wäre ein Wanzenmord gewesen. Ich freue mich über die Feuerwanzen an unserem Feuerwanzenbaum, weil sie das Leben unserer Nr. 4 beeinflussen: Sie erleichtern ihm den Gang zur Schule, der – und das wissen wir Älteren alle aus eigener Erfahrung – nicht jeden Tag leicht ist. Und das ist schon fast eine große Kleinigkeit, die die Feuerwanze damit geschafft hat.

Wie kriegt ihr eure Kinder morgens zur Schule? Braucht ihr Lockmittel – und falls ja, welche locken gut?

Fotos: Doreen Brumme

 

 

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