Hamburger Großfamilie löst Wohnungsnot mit einer Teenager-WG

Hamburger Großfamilie beendet ihre Wohnungsnot mit einer Teenager-WG

Wer hätte das gedacht? Von uns sicher keiner – ich am Wenigsten. Seit mehr als 12 Jahren suchten wir eine größere Wohnung. Leider vergebens. Nach unzähligen Absagen ist unser Platzproblem jetzt endlich gelöst. Wir haben einen Vermieter mit Herz für eine Familie mit 4 Kindern gefunden. Und unsere 67,8 Quadratmeter verdoppelt und die drei großen Kids kurzerhand rausgeschmissen. Doch eins nach dem anderen. Das ist die Geschichte eines wohlverdienten Happy-Ends. Das ist die Gründungsgeschichte unserer Teenager-WG.

Ich habe in den vergangenen zwölf Jahren jeden Tag mindestens ein Mal die gängigen Immobilienportale besucht. Ich habe allen Freunden und Bekannten von unserer Wohnungssuche erzählt und um ein Zeichen gebeten, wenn sie von einer Wohnung hören würden, die frei würde. Ich habe unsere Wohnungssuche auf meinem Blog gebloggt und in den Social Media verbreitet. Ich habe von ihr auf Elternabenden und Klassentreffen der Kids erzählt. Alles vergeblich. Es ist für uns unmöglich gewesen, eine von uns bezahlbare in unserem Wunschviertel zu finden, die jedem Kind den Raum bietet, den es braucht. Und so quetschten wir uns zu Sechst in unsere 3wie2-Zimmer-Wohnung auf 67 Quadratmetern Wohnfläche.

Ich habe nie aufgegeben zu suchen, habe alles versucht, um eine größere Wohnung für uns zu finden. Sogar unsere Vermieter habe ich gefragt, ob sie sich vorstellen könnten, uns bei irgendwann mal Freiwerden die angrenzende Wohnung zusätzlich zu vermieten, so dass wir einen Durchbruch machen könnten. Das hätte uns einen Raum und ein Bad mehr eingebracht und die halbe Küche hätten wir auch entkernen können. Doch unsere Nachbarin hatte gar nicht vor, auszuziehen. Dieser Versuch lief demnach ins Leere.

Wir haben in dieser Zeit unzählige Wohnungen im Viertel besichtigt und eine Absage nach der anderen einstecken müssen. Es gab offensichtlich keinen Vermieter in unserer Ecke Hamburgs, der ein Herz für eine Familie mit vier Kindern hatte. Zwischendrin war ich sehr mutlos, manchmal auch wütend und ganz oft zutiefst verletzt. Vermieter, Verwalter & Co. sprachen uns Eltern ab, zu entscheiden, wie wir Wohnräume auf die Familienmitglieder aufteilen, entschieden für uns, dass der Schnitt ihrer 6+-Zimmer-Wohnungen zu klein oder ungeeignet für uns sei. Jede Wohnung, die wir anschauten, machte Hoffnung. Wir räumten sie in Gedanken ein, die Kids legten Wunschlisten an mit dem, was sie gerne in ihrem ersten eigenen Zimmer hätten.

Jedes verdammte Mal vergebens. Dieses Nichtgewolltsein hat uns allen zugesetzt. Mir ganz besonders.

Doch damit ist jetzt Schluss!

Wir haben unser Platzproblem gelöst

Und das kam so. An einem Samstag mitten im März kam ich vom Wochenendeinkauf im Supermarkt heim. Aufgeregt berichtete mir unsere siebenjährige Nr. 4, dass ein Nachbar geklingelt und uns seine Wohnung angeboten habe. So ganz war aus ihm nicht rauszukriegen, um welchen Nachbar es sich handelte. Kein Wunder, mit Maske sehen alle hippen Mitbewohner mit Bart in unserem 20-Parteien-Mietshaus ziemlich gleich aus. Auf gut Glück klebte ich an den Postkasten des von mir vermuteten Nachbarn einen Zettel mit der Bitte, sich unbedingt nochmal bei uns zu melden. Das tat er zwei Stunden später. Tatsächlich wollte er mit seiner Familie ausziehen, sogar schon in der kommenden Woche, und habe gedacht, dass seine Wohnung im vierten Stock über uns doch eine Möglichkeit wäre, unser ernstes Platzproblem zu lösen.

Wir eröffnen eine Teenager-WG

Seine Idee knallte wie eine Bombe in unseren Samstag. Alle redeten durcheinander. Wir schauten uns erstmal die Wohnung an. Dann tagte der Familienrat. Jeder bekam Redezeit und durfte seine Meinung sagen. Wir schrieben die Vor- und Nachteile einer Teenager-WG auf eine Liste.

Vorteile einer Teenager-WG:

  • Jedes Kind bekommt ein eigenes Zimmer. Das ist in Zeiten von #Homesschooling unabdinglich, wie wir gelernt haben.
  • Wir Eltern bekommen endlich ein Schlafzimmer.
  • Wir bekommen zwei Bäder. Wer Teenager hat, weiß, was es heißt, dringend zu müssen und nicht ins Bad zu können.
  • Wir bekommen einen zweiten Keller, so dass wir einen Wäschekeller und einen Lagerraum einrichten können.
  • Wir bekommen eine zweite Küche mit Süplmaschine und Kühlschrank!
  • Wir bekommen einen zweiten Balkon.
  • Die Wohnung hat einen absolut akzeptablen Familienpreis und belastet uns um fast 1.000 Euro weniger als das Budget, das wir uns notgedrungen bei der Wohnungssuche gesetzt hatten.
  • Die Wasserkosten und Stromkosten von unten würden halbiert, lediglich der Telefonanschluss kostet on top.
  • Die Kinder bilden eine Teenager-WG mit allen Pflichten: zum Beispiel Wohnung aufräumen, putzen, Küche machen, Wäsche sortieren und im gemeinsam genutzten Wäschekeller in die Wäschefächer schwarz, bunt und weiß einräumen und sobald diese voll sind, die Waschmaschine anschmeißen. So lernen sie frühzeitig Verantwortung zu übernehmen und ein echtes Team zu bilden.
  • Ich lerne auf erträgliche Weise, meine Kinder loszulassen. Sie sind aus der elterlichen Wohnung raus, aber buchstäblich immer noch im Haus.

Nachteile einer Teenager-WG:

  • Die Wohnungen liegen zwei Stockwerke auseinander.
  • Nr. 3 ist erst 12 Jahre alt. Und meinerseits gefühlt noch zu klein, um nicht mehr in der elterlichen Obhut zu wohnen.

Wir entschieden uns, es zu versuchen.

Erst die Absage …

Ich schrieb unserer Vermieterin auf Whatsapp. Die Kids zogen im Kopf bereits hoch. Gespeicherte Listen mit Zimmereinrichtungen wurden hervorgeholt und um Neues ergänzt. Keiner von uns hat in dieser Samstagnacht ruhig geschlafen. Sonntagmorgen dann kam die Absage der Vermieterin, sie hatte die Wohnung längst vergeben: an die Maklerin selbst, die diese eigentlich neu vermieten sollte.

Was für eine Enttäuschung. Mal wieder.

… dann die Zusage

Am letzten Märzfreitag, mittags, klingelte mein Handy. Ich konnte kaum mein eigenes Wort verstehen, weil wir gerade im Homeschooling zu Viert auf dem Sofa saßen und mitten in einer heftigen Diskussion waren. Unsere Vermieterin war dran. Und ihr vermutet es sicher, sie sagte mir, die Wohnung sei wieder frei.

Bäm!

Ich bin selten sprachlos. In diesem Moment war ich es. Für den Bruchteil einer Sekunde. Dann sagte ich nur: Wir nehmen sie. Wir hatten das ja alles zehn Tage zuvor durchgekaut. Ich musste nicht mehr Nachdenken. Ich musste nicht mehr Nachrechnen. Nur noch zusagen.

Ich legte auf und heulte fast vor Freude. Die Kids waren kaum zu halten.Mir erschien alles so unglaublich.

Und dann ging es ganz schnell. Noch am selben Tag überwies ich die Mietkaution. Dann bestellten wir, was die Online-Händler unseres Vertrauens an Einrichtung boten. Jedes Kind durfte sich im Rahmen eines Budgets wünschen, was es für sein erstes eigenes Zimmer wollte. Am Ende lagen wir leicht darüber – aber mal ehrlich, wir sparten mit diesem Umzug so viele Kosten! Ganz zu schweigen, dass wir uns nicht ummelden müssen. Dass alle Wege gleich bleiben würden – nicht zuletzt ein riesen Plus für unser schwer depressives Kind.

Am Montag unterschrieben wir den Mietvertrag, am Dienstag, dem 12. Geburtstag von Nr. 3, bekamen wir die Wohnungsschlüssel. Und natürlich haben wir noch am selben Tag die ersten Sachen nach oben geschleppt. Mietbeginn war der Donnerstag vor Ostern. Karfreitag war dann Möbelschleppen angesagt. Freitag abend stand alles Große an seinem Platz und die drei Teens schliefen das erste Mal in ihrer Teenager-WG. Ein komisches Gefühl für mein Mutterherz. Sorgen machte ich mir um Nr. 4, weil er von heute auf morgen seiner Geschwister beraubt wurde. Doch die Sorge erwies sich inzwischen als unbegründet. Der Kleine rennt zigmal am Tag hoch und holt sich seine Portion Geschwisterzeit. Und selbstverständlich kommen die Großen auch mehrere Male am Tag runter.

Unsere Paketboten schleppten einen Karton nach dem anderen an, die benutzten wir zumeist als Umzugskartons und zum Einlagern von allem, was wir nicht entsorgen sondern erstmal im Keller aufheben wollten.

Teenager-WG: Die ersten zehn Tage und Nächte

Jetzt wohnen wir schon seit zehn Tagen doppelt so groß. Ich staune über das Verantwortungsbewusstsein meiner großen Kids. Und lache insgeheim über Erfahrungen, die sie unter sich mit dem einander Hinterherräumen machen. Leichtigkeit macht sich in mir breit. Die Räume, die wir Eltern mit Nr. 4 bewohnen, sind leerer und somit spürbar weniger erdrückend. Die Leichtigkeit zeigt sich aber auch im Miteinander. Weil wir nicht mehr jedes Mimimimi teilen und nicht mehr ständig aufeinanderhocken, fühlen sich unsere Begegnungen auch leichter, angenehmer an. Zugleich haben sie mehr Tiefgang. Ich genieße den räumlichen Abstand und die neue emotionale Nähe, die selbst das introvertierte Kind plötzlich an den Tag legt. Wir streiten weniger. Und hören einander zugewandter zu. Ich kann in vielen Momenten in Ruhe arbeiten. Und genieße das.

Alles ist neu und doch ist alles beim Alten. Wir haben es geschafft. Auf ungewöhnliche Weise, aber hey!Ihr könnt euch sicher denken, wie unsere großen Kids plötzlich von ihren Klassenkameraden beneidet werden, nachdem sie in ihre gängigen Chats geschrieben hatten, dass sie ausgezogen seien. Ein Traum jedes Teenagers wird damit war. Ich habe mir diese Entscheidung wahrlich nicht leicht gemacht. Aber ich kann damit sehr gut leben.

Vielleicht übernehmen die Teens die Teenager-WG eines Tages und vielleicht bleibt sogar ein Kind dort wohnen, wenn es eine Familie gründet. Wer weiß das schon. Die Sorge, eines Tages als Eltern in einer viel zu großen und zu teuren Wohnung zu sitzen, habe ich nicht mehr.

Alles ist gut. Alles ist besser. Endlich. Platz. Endlich Rückzugsmöglichkeiten für jeden von uns.

Ich liebe es!

Foto: Doreen Brumme

 

 

2 Kommentare

  1. Woe. Was für eine geniale Lösung. Sicher kann das auch fûr andere Familien eine Anregung sein. Und wie schön, dass ihr euren Kindern soviel Vertrauen entgegenbringt.

    1. Das stimmt, liebe Dagmar! Aus der Not geboren entpuppt sich unsere Teenager-WG gerade als sehr gute Alternative. Ich habe teils auch mit großer Wehmut in die Zukunft geschaut und mich gesorgt, wie ich die Abnabelungen wohl meistere. Und nun ist der Prozess so schnell ins Rollen gekommen, dass ich nur staunen kann. Übe rmich. Über die Kinder. Über das, was diese Familie aushält und stark macht. Und ja, Vertrauen und ein paar Familienregeln helfen uns beim Erleben der neuen Familienwelt. Ich genieße derzeit, nach 13 Tagen, am meisten die Ruhe. Ich konnte diesen Text schreiben, ohne ein einziges Mal unterbrochen worden zu sein. Das ist ein Novum! Ebenso genieße ich es bei Besuchen oben in der Teeager-WG, Staubflusen Staubflusen sein lassen zu können. Genauso genussvoll ist aber auch der Ruf nach oben per Whatsapp, dass das Essen fertig ist (die warme Mahlzeit kochen wir meistens unten). LG Doreen

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