DoGreen!

DoGreen! – Lass es! Warum grüner leben mit Weglassen beginnt

Wer den Anspruch “grüner leben” im Sinne von “umweltfreundlich”, “nachhaltig”, “ökokorrekt” und “ecoquent” zu hören bekommt, die:der hört oft vor allem eins heraus: “mehr”. Mehr Zeit für den Wochenmarkt. Mehr Geld für Bio. Mehr Mühe beim Trennen des Mülls, bei Einkäufen des alltäglichen und nicht alltäglichen Bedarfs, beim Auswählen der Bank. Und obendrauf kommt das schlechte Gewissen, wenn es mal nicht so “grün” klappt, wie gedacht. 

Und das in einem Alltag, der ohnehin schon randvoll ist mit Job, Familie, Terminen und der täglichen Frage, was es heute zu essen gibt.

Kein Wunder, dass viele Menschen innerlich die Arme verschränken, sobald jemand (wie ich) mit dem nächsten Nachhaltigkeitstipp um die Ecke kommt. Ich verstehe das gut. Wirklich. Diese Abwehr rührt selten aus Gleichgültigkeit. Weiß ich. Meist ist sie schlicht ein Zeichen von Erschöpfung. Fühle ich. 

Deshalb habe ich eine gute Nachricht. DoGreen! heißt nicht: Mach noch mehr. DoGreen! heißt vor allem: Lass etwas weg. Kein neues Projekt, keine neue Anschaffung, keine neue App. Sondern eine Sache weniger.

In diesem Text erkläre ich, warum ausgerechnet das Weglassen so wirksam ist, warum unser Gehirn es trotzdem so selten vorschlägt und wie es uns leichter gelingt. Mit Forschung, ein bisschen Philosophie und den konkreten Dingen, die ich selbst nicht mehr mache und tue.

Doreen Brumme DoGreen!

Warum wir lieber anbauen

Stell dir einen wackligen Lego-Turm vor. Er soll einen Stein tragen. Jedes neue Teil kostet Geld, jedes entfernte Teil ist gratis.

Was tust du?

Die meisten Menschen bauen an.

Genau so lief eines von acht Experimenten, die Forschende der University of Virginia 2021 im Fachjournal Nature veröffentlichten. Ihr Befund: Wollen wir etwas verbessern, suchen wir automatisch nach Dingen, die wir hinzufügen können. Lösungen, bei denen wir etwas weglassen, übersehen wir demnach. Als ein neuer Universitätspräsident um Verbesserungsvorschläge bat, zielten nur 11 Prozent darauf, etwas wegzunehmen.

Warum ist das so?

Einer der Forschenden erklärt:

  • Ideen zum Hinzufügen fallen uns schnell und mühelos ein.
  • Ideen zum Weglassen kosten mehr Denkarbeit.

Und je öfter wir aufs Hinzufügen setzen, desto schneller kommt es uns beim nächsten Mal in den Sinn. Unser Kopf hat sich das Anbauen also regelrecht antrainiert. Unter Stress wird es noch schlimmer: Wer geistig belastet ist, findet die Weglass-Lösung noch seltener.

Die Forschenden vermuten, dass uns dieser Hang auch beim Schutz des Planeten im Weg steht. Ich sehe das jeden Tag. Der Anspruch “grüner leben” klingt meist nach noch einer Sache: noch eine App zum Studieren von Inhaltsstoffen, noch eine Mülltonne, noch ein nachhaltiges Produkt im Warenkorb.

Noch ein Punkt auf einer To-do-Liste, die ohnehin zu lang ist.

Ich halte es immer öfter mit dem Gegenteil: DoGreen! heißt für mich vor allem: Lass es! Weglassen kostet kein Geld. keine Mühe und keine Zeit. Und oft ist es das Wirksamste, was ich als einzelner Mensch tun kann.

Die gute Nachricht aus der oben verlinkten Studie: Wer ausdrücklich ans Weglassen erinnert wird, findet die besseren Lösungen sehr wohl.

Betrachte diesen Text als deine Erinnerung. Er ist lang geworden – ich weiß, ausgerechnet bei diesem Thema! Sorry, but not sorry dafür. Aber versprochen: Am Ende bleibt nur, was du brauchst.

Was ich nicht mehr tue

Wir haben kein Auto mehr. Ich fliege nicht mehr. Ich lebe vegan. Und wir wohnen zu sechst auf 134 Quadratmetern.
Klingt nach schmerzhaftem Askese-Programm für dich? Ist es nicht für mich. Es ist das Gegenteil von Programm. Es sind Dinge, die ich einfach nicht mehr tue.

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Das Auto. Wir wohnen mitten in Hamburg, im Schatten des Fernsehturms, den wir “Hertz-Turm” nennen. Wer hier einen Parkplatz sucht, braucht einen kostenpflichtigen Anwohnerparkschein und jedes Mal beim Parken Geduld, Glück und starke Nerven. Unsere Familienkutsche, ein 7-Sitzer-Bus und Diesel-Verbrenner stand fünf bis sechs Tage die Woche ungenutzt herum. Unter Linden (!). Ehrlich betrachtet hatten wir ihn also längst stehengelassen. Wir haben ihn nur noch abgeschafft – und die nervende Parkplatzsuche gleich mit.

Das Fliegen. Seit 2014, dem Sommer nach der Geburt meiner Nr. 4, fliege ich nicht mehr. Vor allem der Umwelt wegen. Unser Urlaub findet seitdem an der Ostsee statt, meinem Lieblingsort weit und breit. Kein Check-in im Morgengrauen, kein Plastikbeutel für die Zahnpasta. Dafür die Ostsee. Dass ausgerechnet eine Geburt der Wendepunkt war, ist übrigens kein Zufall. Dazu später mehr.

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Das Tierleid. Vegan heißt für mich tierleidfrei. Ausschlaggebend dafür, dass ich alles weglasse, was aus Tierleichen hergestellt wird, aus Körperstoffen von Tieren besteht oder aus der Ausbeutung lebender Tiere stammt, war ein Video auf Instagram: Tausende Puten in einer riesigen Halle, getötet mit einer riesigen Welle Schaum. Für mich war es ein Video von einer Ermordung. Ich konnte lange nicht aufhören, zu weinen. Danach war die Sache für mich klar. Das Klima war hier also nicht mein Grund. Es ist mein Bonus.

Bei uns zu Hause steht es übrigens zwei zu vier: zwei Veganer:innen, vier Allesfresser. Dazu zwei Katzen, die naturgemäß außer Konkurrenz laufen (Obwohl ich auch schon von tierleidfreier Katzenfütterung gelesen habe – da muss ich mich als Nächstes mit beschäftigen.). Dass ich nicht missioniere, ist an der Quote erkennbar.

Die Quadratmeter. Zu sechst leben wir in zwei Mietwohnungen mit je 67 Quadratmetern. Das sind rund 22 Quadratmeter pro Kopf. Der deutsche Schnitt lag Ende 2024 bei 49,2. Wir lassen als Familie also mehr als die Hälfte weg. Sicher ein Umstand, der vom Wohnungsmarkt diktiert wird, doch für uns reicht der Platz.

Und jetzt der Teil, der mich selbst verblüfft hat. Drei meiner “Weglassungen” gehören zu den wirksamsten Klimamaßnahmen, die ein einzelner Mensch in einem Industrieland treffen kann. Laut einer Übersichtsarbeit spart

  • autofrei leben im Schnitt 2,4 Tonnen (t) CO2-Äquivalent pro Jahr.
  • Ein ausgelassener transatlantischer Hin- und Rückflug spart 1,6 t,
  • rein pflanzliche Ernährung 0,8 t pro Jahr.

Und was ist mit Recycling? Ist demnach viermal weniger wirksam als pflanzliche Ernährung. Glühbirnen tauschen? Achtmal weniger.

Fairerweise muss ich schreiben: Das sind Mittelwerte, keine Rechnung für meine Familie. Ein Auto, das ohnehin fast nur steht, stößt beim Fahren wenig aus. Unser persönlicher Effekt beim Auto dürfte also kleiner sein als der hier bezifferte Schnitt.

Weglassen hat einen Namen: Suffizienz

Was ich Weglassen nenne, heißt in der Nachhaltigkeitsforschung “Suffizienz“. Das Wort kommt vom lateinischen “sufficere”: Es steht für “ausreichen”, “genug sein”. Suffizienz ist dem Umweltbundesamt (UBA) zufolge eines von drei Nachhaltigkeitsprinzipien, neben Effizienz und Konsistenz.

Der Unterschied zwischen den Dreien ist entscheidend: Effizienz will ein Bedürfnis mit weniger Ressourcen erfüllen, Konsistenz mit anderen. Suffizienz stellt das Bedürfnis selbst infrage.

Das sparsamere Auto ist demnach effizient. Das E-Auto konsistent. Und gar kein Auto suffizient.

Klingt nach Nische? Der Weltklimarat sieht das anders. Laut seinem Sachstandsbericht zum Klimaschutz von 2022 können Maßnahmen auf der Nachfrageseite die Treibhausgasemissionen in den Bereichen Gebäude, Landverkehr und Ernährung bis zum Jahr 2050 um 40 bis 70 Prozent senken – verglichen mit einem Weiter-so.

In diese Zahl fließt nicht nur das reine Weglassen ein, sondern auch das Umsteigen und eine bessere Technik. Aber sie zeigt:

Was wir nachfragen, ist kein Nebenschauplatz.

Bleibt die Frage, warum wir es trotzdem so selten tun, das Weglassen. Die Antwort liegt weniger in unserem Willen als in unserem Kopf.

Warum Weglassen vorher mehr wehtut als nachher

Weglassen hat ein Imageproblem. Es fühlt sich nach Verlust an, bevor es passiert.

Die Psychologen Timothy Wilson und Daniel Gilbert haben untersucht, wie gut Menschen vorhersagen, wie sie sich in Zukunft fühlen werden. Ihr Ergebnis: schlecht. Wir überschätzen demnach regelmäßig, wie stark und wie lange uns ein Ereignis emotional beschäftigt. Fachleute nennen das übrigens Impact Bias.

Zwei Gründe geben die beiden Forscher:

  1. Wir starren auf das eine Ereignis und unterschätzen, wie sehr alles andere in unserem Leben unsere Gefühle mitbestimmt.
  2. Wir ahnen nicht, wie schnell wir uns einen Reim auf Veränderungen machen und uns erholen. Das gilt besonders für negative Ereignisse.

Hinzu kommt: Wir sagen fälschlich voraus, dass uns ein Verlust stärker trifft als ein gleich großer Gewinn.

Übertragen aufs Weglassen heißt das: Die Vorstellung, ohne Auto, ohne Flug, ohne Steak zu leben, wiegt im Kopf schwerer als das Leben mit den Konsequenzen aus dieser Entscheidung.

Der Verzicht von morgen ist ein Gespenst.

Das Weglassen von heute ist meistens: einfach nichts.

Eine Einschränkung gehört dazu: Die Studien drehen sich um Lebensereignisse aller Art, nicht ums Klima. Die Übertragung erscheint mir plausibel, aber sie ist nicht eigens untersucht.

Ich kann berichten, dass das Auto mir nicht fehlt. Durch die Stadt komme ich mit meinem Rad, Tretroller und den Öffis. Für die An- und Abreise in unsere gemietete Ferienwohnung mieten wir uns der Katzen wegen ein E-Auto. Auch das Fliegen fehlt mir nicht. Und Leichenteile auf dem Teller schon gar nicht.

Was in deinem Kopf passiert

Weglassen ist einfach.

Aufhören nicht immer.

Den Unterschied macht unser Gehirn: Laut Wendy Wood wiederholen wir rund 43 Prozent unserer alltäglichen Handlungen fast täglich im gleichen Zusammenhang. Gewohnheiten sind für die Gewohnheitsforscherin erlernte Verknüpfungen. Wer eine Handlung immer wieder im gleichen Kontext ausführt und dafür belohnt wird, verknüpft nach und nach diesen Kontext mit diesem Verhalten. Irgendwann läuft es von allein, wie beim Autofahren: ohne aktive Entscheidung.

Wo passiert das genau? Die MIT-Neurowissenschaftlerin Ann Graybiel hat gezeigt, dass das Striatum eine Hauptrolle dabei spielt. Das ist ein Teil der Basalganglien tief im Gehirn. In Tierversuchen fand ihr Team ein typisches Muster: Nervenzellen dort feuern am Anfang einer gelernten Routine, werden still, während sie abläuft, und feuern am Ende wieder. Das Gehirn schnürt also mehrere Schritte zu einem Paket. Fachleute sprechen von Chunking. Haben sich diese Muster einmal gebildet, ist es laut Graybiel extrem schwer, die Gewohnheit zu brechen.

Stell dir das Autofahren vor: 1. Schlüssel nehmen, 2. runter zur Straße, 3. einsteigen, 4. starten. Für dein Gehirn sind das keine vier Entscheidungen. Es ist ein einziger Knopfdruck.

Und jetzt habe ich leider eine schlechte Nachricht:

Alte Gewohnheiten werden nicht gelöscht.

Der Lernforscher Mark Bouton untersucht seit Jahrzehnten, was passiert, wenn ein gelerntes Verhalten wieder verschwindet. Sein Befund: Das Alte wird nicht verlernt. Stattdessen lernt das Gehirn etwas Neues dazu – nämlich, das alte Verhalten in einem bestimmten Zusammenhang zu unterdrücken. Diese Hemmung hängt stark vom Kontext ab, in dem sie gelernt wurde. Fällt der Kontext weg, kann das alte Verhalten zurückkehren. Fachleute nennen das Renewal. Auch hier stammen viele Befunde aus Tierversuchen.

Das erklärt, warum frische Vorsätze ausgerechnet an Weihnachten bei den Eltern so wackeln: Stell dir vor, du lebst seit einem halben Jahr vegetarisch. Zu Hause klappt das prima. Die neue Gewohnheit hast du in deiner Küche gelernt, mit deinem Kühlschrank und deinen Rezepten. Dann sitzt du am 24. Dezember am Esstisch deiner Kindheit. Derselbe Tisch, dasselbe Geschirr, derselbe Bratenduft wie vor 30 Jahren. Genau dieser Kontext hat die alte Spur über Jahrzehnte geprägt. Die neue Hemmung dagegen kennt ihn nicht, sie wurde woanders gelernt. Und plötzlich greift die Hand zur Bratenplatte, bevor der Kopf mitreden kann. Kein Charakterfehler. Renewal. Die alte Spur im Gehirn war nie weg. Sie hat nur auf ihren alten Kontext gewartet.

Die gute Nachricht: Das gilt auch umgekehrt. Ein neuer Kontext ist die beste Chance, dass eine alte Gewohnheit gar nicht erst anspringt. Dazu gleich mehr.

Wie lange es dauert, bis das Alte schweigt

Vergiss die häufig genannten 21 Tage. Die Zahl stammt aus dem Selbsthilfebuch “Psycho-Cybernetics” des plastischen Chirurgen Maxwell Maltz von 1960. Er hatte beobachtet, dass sich seine Patient:innen nach einer Operation nach etwa 21 Tagen an ihr neues Aussehen gewöhnt hatten. Mit Gewohnheitsforschung hat das kaum etwas zu tun.

Eine bekannte Studie stammt von Phillippa Lally vom University College London: Ihr Team begleitete 96 Menschen, die sich eine neue gesunde Gewohnheit zulegen wollten, etwa ein Stück Obst zum Mittagessen oder einen kurzen täglichen Lauf. Im Schnitt dauerte es 66 Tage, bis das Verhalten nicht mehr automatischer wurde. Die Spanne war riesig: 18 bis 254 Tage, wobei die oberen Werte hochgerechnet sind. Komplexere Verhaltensweisen brauchten länger. Und ein tröstlicher Befund: Einen einzelnen Tag auszulassen, schadete langfristig nicht.

Eine Übersichtsarbeit von 2024 bestätigt die Größenordnung: Die Studien, die die Dauer direkt maßen, kamen auf Medianwerte von 59 bis 66 Tagen, im Einzelfall auf 4 bis 335 Tage. Das Fazit der Forschenden: Gewohnheiten können sich in etwa zwei Monaten bilden, aber die Zeit schwankt stark von Mensch zu Mensch.

Dazu ist zu schreiben, dass diese Studien messen, wie lange es dauert, ein neues Verhalten aufzubauen. Wie lange ein altes braucht, bis es nicht mehr anspringt, dazu habe ich keine vergleichbar verlässliche Zahl gefunden.

Was die Forschung jedoch zeigt: Für das Nicht-Tun lässt sich keine Gewohnheit bilden.

Wer etwas weglassen will, nimmt sich deshalb besser ein neues Verhalten vor, das im selben Kontext an die Stelle des alten tritt. Also zum Beispiel nicht “Ich fahre zum Supermarkt nicht mehr mit dem Auto”, sondern: “Zum Einkaufen nehme ich das Rad”. Alte Gewohnheiten zu brechen, ist laut den Forschenden ohnehin mühsamer, als neue aufzubauen. Für das Neue raten sie, mit etwa zehn Wochen zu rechnen. Die alte Spur verschwindet dabei nicht ganz, sie wird nur leiser (siehe oben).

Mein Trost: Je gründlicher das Weglassen, desto weniger Gelegenheit hat das Alte.

Ein Auto, das nicht mehr vor der Tür steht, kann keine Gewohnheit mehr auslösen. Kein Schlüssel am Haken, kein Knopfdruck im Kopf.

Wie Weglassen wirklich gelingt

Weglassen kostet kein Geld. Aber es kann Gewohnheiten kosten. Vier Erkenntnisse aus der Psychologie machen es leichter.

Sag “Ich tue das nicht”, anstatt “Ich darf nicht”.

Ist dir aufgefallen, wie ich oben formuliert habe? “Ich fliege nicht mehr.” Nicht: “Ich darf nicht mehr fliegen.” Das ist kein Zufall.

Die Marketingforscherin Vanessa Patrick und ihr Kollege Henrik Hagtvedt haben untersucht, wie sich beide Formulierungen auswirken.

  • Wer sagt “Ich tue das nicht”, widersteht demnach Versuchungen besser und bleibt eher bei seinen Zielen. Der Grund: Dieser Satz drückt eine Haltung aus und fühlt sich selbstbestimmt an.
  • “Ich darf nicht” klingt dagegen nach einem Verbot von außen.

Kleine Einschränkung: Die Studien drehten sich um Essen und Sport, nicht ums Klima.

Mach es dir schwer.

Gewohnheiten leben davon, dass sie leicht sind.

Wendy Wood nennt das Gegenteil Reibung: kleine Hürden aus Zeit, Weg oder Mühe.

Wer etwas weglassen will, baut also Hindernisse ein.

Zum Beispiel: Shopping-App vom Handy löschen. Rabatt-Newsletter abbestellen.

Uns hat übrigens die Hamburger Innenstadt als Parkplatzmangelzone geholfen: Die Parkplatzsuche war hier jedes Mal verdammte Reibung pur.

Nutze die Umbrüche.

Erinnerst du dich an die alte Spur, die auf ihren Kontext wartet? Ändert sich der Kontext, hat sie es schwer.

Genau das hat der Psychologe Bas Verplanken getestet. In einem Feldexperiment mit 800 Menschen wirkte ein Programm für nachhaltiges Verhalten bei Menschen, die gerade umgezogen waren, deutlich besser. Das Zeitfenster lag bei etwa drei Monaten nach dem Umzug. Solche Momente des Wandels sind beispielsweise ein Umzug, der Eintritt in den Ruhestand oder das Elternwerden. Bei mir war es die Geburt meiner Nr. 4 vor mehr als zwölf Jahren. Einmal bin ich wenige Monate danach noch geflogen. Seitdem nicht mehr. Neues Leben, neue Routinen. Die Forschung legt nahe, dass genau solche Momente den Absprung erleichtern.

Stell die Weiche einmal – und vergiss sie.

In einem Experiment mit knapp 42.000 deutschen Haushalten wählten nur etwa 7 Prozent Ökostrom, wenn sie ihn aktiv ankreuzen mussten. War Ökostrom voreingestellt, blieben schätzungsweise 70 Prozent dabei. Die Lehre für den Alltag: Wer seine Voreinstellungen einmal “grün” setzt, lässt danach die tägliche Entscheidung weg. Seit das Auto weg ist, stellt sich die Frage “Fahren wir?” für uns gar nicht mehr.

Die alte Kunst des Weglassens

Die eingangs erwähnte Lego-Studie sagt: Wir finden die Weglass-Lösung, wenn uns jemand daran erinnert. Die Philosophie tut das seit über 2.000 Jahren.

Epikur. Der griechische Philosoph gilt heute als Genussmensch. Dabei war er ein Meister der Unterscheidung. In seinem Brief an Menoikeus teilt er unsere Begierden ein: Manche sind natürlich, andere nichtig. Und unter den natürlichen sind manche notwendig, andere bloß natürlich. Wer seine Wünsche so sortiert, merkt schnell, wie viele davon in die Kategorie “nichtig” fallen. Ich stelle mir Epikur gern vor einem Schaufenster in der Mönckebergstraße vor, Hamburgs bekannter Einkaufsmeile zwischen Hauptbahnhof und Rathaus. Dritte Jacke, neues Handy, Kaffee im Einwegbecher: natürlich, notwendig oder nichtig? Ich ahne, welche Schublade am vollsten wäre.

Laotse. Im 48. Kapitel des “Tao te king” steht ein Satz, der sich so übersetzen lässt: Wer sich dem Lernen widmet, strebt von Tag zu Tag danach, sein Wissen zu mehren; wer sich dem Tao widmet, strebt von Tag zu Tag danach, sein Tun zu verringern. Das Mindern ist hier kein Mangel, sondern ein Weg. Jeden Tag ein bisschen weniger tun, bis das Wesentliche übrig bleibt.

Antoine de Saint-Exupéry. Der Autor des “Kleinen Prinzen” war Pilot. Ausgerechnet. In “Terre des hommes” schrieb er 1939 über die Konstruktion von Flugzeugen. Frei übersetzt: Vollkommenheit scheint nicht dann erreicht, wenn es nichts mehr hinzuzufügen gibt, sondern wenn sich nichts mehr wegnehmen lässt.

Drei Menschen, drei Kulturen, über 2.000 Jahre dazwischen. Und alle landen beim selben Gedanken: Das gute Leben entsteht nicht aus dem, was wir anhäufen. Es entsteht aus dem, was wir weglassen können.

Weniger haben (wollen), mehr sein (wollen)

Und die Wissenschaft? Sie stützt diese alten Denker zumindest teilweise. Eine große Metaanalyse wertete 259 Stichproben aus. Mit dem Ergebnis: Menschen, denen Geld und Besitz besonders wichtig sind, geht es im Schnitt schlechter. Die Forschenden erklären das damit, dass psychologische Grundbedürfnisse dann oft zu kurz kommen.

Der Zusammenhang ist moderat, und er beweist keine Ursache. Weniger Besitz macht also nicht automatisch glücklich. Aber mehr Besitz macht es nachweislich auch nicht.

Der Siegener Ökonom Niko Paech hat dafür ein schönes Bild gefunden. Der nötige Wandel sei kein Marsch in die Askese, sondern lasse sich als “Befreiung vom Überfluss” verstehen. Er spricht von einer “Entrümpelung unserer Lebensstile”. Das gefällt mir. Mein Leben ohne Auto, ohne Fliegen und mit weniger Quadratmetern fühlt sich nicht unbeweglich, beschränkt oder beengt an.

Wo Weglassen an Grenzen stößt

Das gesparte Geld. Fachleute nennen es den Rebound-Effekt. Das Umweltbundesamt beschreibt ein Beispiel: Wer beim Sprit spart, steckt das Geld womöglich in Flugreisen – und die Ersparnis ist teilweise dahin. Für das Weglassen gilt das genauso. Wer das Auto abschafft und vom gesparten Geld in die Karibik fliegt, hat wenig für die Umwelt gewonnen.

Wer viel hat, kann viel weglassen. Grundsätzlich gilt laut Umweltbundesamt: Je höher das Einkommen, desto größer der CO2-Fußabdruck. Mein Appell zum Weglassen richtet sich also nicht an Menschen, die ohnehin wenig haben. Die lassen längst weg, ob sie wollen oder nicht.

Das Wort “Verzicht”. Laut Umweltbundesamt wird Suffizienz im Verkehr politisch kaum thematisiert, weil viele dabei an Einschränkungen und Verbote denken. Deshalb rede ich lieber vom Weglassen. Es beschreibt dasselbe. Es fühlt sich nur anders an. Und nach allem, was wir über “Ich tue das nicht” wissen, wirkt es vermutlich auch anders.

Nicht alles Grüne ist Weglassen. Wer meine Texte zur Solarthermie kennt, weiß: Eine Solarthermieanlage zum Erzeugen erneuerbarer Wärme aus Sonnenenergie muss ein Mensch kaufen. Und Weglassen ersetzt auch keine Politik, die Bus und Bahn ausbaut. Weglassen ist nicht das ganze Bild. Aber es ist der Einstieg – und oft der größte Hebel.

Meine Weglass-Liste für dich

Kein Programm, nur Ideen. Such dir eine aus. Oder lass es.

  • Den Kurzstreckenflug.
  • Das Zweitauto – oder das Erstauto, wenn es mehr steht als fährt.
  • Fleisch, Milch, Eier an einem Tag pro Woche. Oder an allen.

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Und wenn du dich für eins entschieden hast: Sag nicht “Ich darf nicht mehr”. Sag “Ich mach’s nicht”. Gib dir zwei, drei Monate. Und sei nachsichtig, wenn die alte Gewohnheit im Urlaub noch mal anklopft. Sie ist nicht weg. Aber sie wird leiser.

Das nächste Mal, wenn du überlegst, was du für die Umwelt tun kannst, stell die Frage anders. Nicht: Was kann ich noch tun? Sondern: Was kann ich lassen?

#DoGreen!

Fotos: Karolina Doleviczenyi (Porträt), Doreen Brumme (Titel, Logo DoGreen!), Biotopps,

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