Bio Bauern

Einmal Bio-Bauer, immer Bio-Bauer? Nein!

Bio-Landwirtschaft ist die Zukunft. Der Bio-Markt ist nach wie vor ungesättigt, ihm wird stetes Wachstum prophezeit. Die landwirtschaftliche Fläche, die ökologisch bewirtschaftet wird, hat sich seit 1990 verzwölffacht, die Zahl der Bio-Betriebe versiebenfacht. Ende 2011 waren 22.506 Bio-Betriebe auf mehr als einer Millionen hektar (ha) aktiv.

Neueinsteiger minus Aussteiger = Bio-Boom

Zahlen, die Verbrauchern wie mir zumindest in der Tendenz bekannt sind – ohne, dass mir klar war, dass die Zahl das Ergebnis einer Subtraktionsaufgabe ist: Neueinsteiger minus Aussteiger = Bio-Boom. Immer noch. Die Aussteiger aus dem Biolandbau wurden bisher kaum beachtet. Doch eine wissenschaftliche Studie zeigt, dass viele Bio-Bauern Bio den Rücken kehren, weil das damit erwirtschaftete Einkommen nicht reicht.

Laut der aktuellen Studie des Johann Heinrich von Thünen-Instituts für Betriebswirtschaft in Braunschweig in Kooperation mit der Universität Kassel steigen jährlich etwa 600 Betriebe aus dem Ökolandbau wieder aus. Eine Zahl, die bei vielen Verbrauchern nicht ankommt, weil die der Einsteiger größer ist.

Demnach hätten zwischen 2003 und 2010 jährlich 190 Aussteiger die Landwirtschaft ganz an den Nagel gehängt. 410 Betriebe wären zur konventionellen Bewirtschaftung zurückgekehrt. Für die Rückkehr in die konventionelle Landwirtschaft seien mehrere Faktoren verantwortlich: innerbetriebliche, familiäre, persönliche Voraussetzungen und externe Rahmenbedingungen. Gäbe es dort gravierende Änderungen, werde die Wirtschaftsweise des Betriebes hinterfragt, sagt Dr. Jürn Sanders vom Thünen-Institut, der Mitautor der Studie ist. Eine besonders große Rolle spielten demnach ökonomische Motive, fehlende Entwicklungsperspektiven im ökologischen Landbau und Probleme mit den Ökorichtlinien und -kontrollen.

Gründe für Bio-Bauern, Bio den Rücken zu kehren

In der Studie heißt es dazu: „Zu den zentralen Gründen für die Rückumstellung gehörten neben den ökonomischen Gründen Probleme mit den Ökorichtlinien und der ökospezifischen Kontrolle. Diesbezüglich wurden von den Rückumstellern vor allem ein zu hoher zeitlicher Aufwand für Nachweise und Kontrollen, komplizierte Ökorichtlinien, zu strenge und einschränkende Richtlinien und Kontrollen sowie Probleme mit der Umsetzung der Ökostandards genannt. Letztere beziehen Sachverhalte wie die Umsetzung einer 100-prozentigen Biofütterung oder auslaufende Ausnahmeregelungen für die Anbindehaltung bei kleineren Kuhbeständen mit ein.

Unter den Rückumstellungsgründen mit mittlerer Bedeutung befinden sich produktionstechnische Probleme wie Zunahme des Unkrautdrucks, unsichere/stark schwankende Erträge, zu niedrige Erträge im Pflanzenbau und Probleme mit der Nährstoffversorgung. Als eher unwichtig wurden u.a. Probleme mit der Tiergesundheit oder mit Pflanzenkrankheiten und die Ablehnung des Ökolandbaus durch Kollegen oder durch das persönliche Umfeld eingestuft.

Auch der Einstieg in die Bioenergieerzeugung wurde nur von wenigen Betriebsleitern als entscheidender Rückumstellungsgrund genannt (knapp 3%). Ähnlich äußerten sich auch die Teilnehmer der drei durchgeführten Fokusgruppendiskussionen. Allerdings wurde darauf hingewiesen, dass die hohen Vergütungssätze des EEG indirekt die Wettbewerbsfähigkeit des ökologischen Landbaus beeinträchtigen und damit die Wahrscheinlichkeit einer Rückumstellung erhöhen. Neben den Auswirkungen auf bestehende Ökobetriebe werden auch negative Auswirkungen auf zukünftige Neueinstiege in den Ökolandbau vermutet.

Die nach Erwerbsform, Betriebsgröße und Betriebstyp differenzierte Analyse gibt weitere Einblicke in die Rückumstellungsgründe: Hauptberuflich arbeitende Landwirte sahen produktionstechnische Themen wie geringe Erträge im Pflanzenbau sowie mangelnde Kooperationsmöglichkeiten mit anderen Ökolandwirten im Vergleich zu den nebenberuflich wirtschaftenden Landwirten deutlich häufiger als wichtig an.

Differenziert nach der Betriebsgröße waren es vor allem kleine Betriebe mit weniger als zehn Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche, die den Aufwand für Nachweise und Kontrollen zum Ökolandbau sowie die damit verbundenen Kosten als zu hoch bewertet haben. Zu geringe bzw. stark schwankende Erträge waren dagegen – korrespondierend zu den oben genannten Ergebnissen – eher für die größeren Betriebe ab 50 Hektar ein Problem.

Deutliche Unterschiede in der Bedeutung der Rückumstellungsgründe konnten auch zwischen Betrieben mit unterschiedlicher Ausrichtung festgestellt werden: ‚Keine Einkommensverbesserung mit Ökolandbau‘ wurde als Rückumstellungsgrund von Veredlungsbetrieben, Schaf- und Ziegenbetrieben, Mutterkuh- und Rindermastbetrieben sowie Betrieben mit nicht weiter spezifiziertem Futterbau deutlich häufiger genannt als von den Betriebsleitern der anderen Betriebstypen (Ackerbau, Gemischt,
Milchvieh). Die Betriebsleiter der Schaf- und Ziegenbetriebe, Mutterkuh- und Rindermastbetriebe sowie von Betrieben mit nicht weiter spezifiziertem Futterbau gaben darüber hinaus überdurchschnittlich häufig Vermarktungsprobleme als Rückumstellungsgrund an.

Auch der Zukauf von zertifizierten Tieren war insbesondere für Rindermast- und Mutterkuhbetriebe sowie für Schaf- und Ziegenhalter ein Problem. Bei den Veredlungsbetrieben waren vor allem neben schlechteren Einkommensmöglichkeiten hohe Kosten für Zukauffutter und 100 Prozent Biofütterung hervorstechende Rückumstellungsgründe. Betriebsleiter von Veredlungsbetrieben nannten darüber hinaus überdurchschnittlich häufig Probleme mit der Tiergesundheit als Rückumstellungsgrund.“

Diese Begründungen für die Rückumstellung von Bio auf Konventionell gibt mir als Verbraucher dann doch arg zu denken. Doch aus den Gründen für die Rückumstellung können wir lernen. Deshalb habe ich sie hier mal so ausführlich geschildert. Stecken dahinter doch Bio-Bauern, die einst auf Bio umgestiegen sind, um ökologischen Landbau zu betreiben, von dem auch ich profitiere.

Grafik: Doreen Brumme

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2 Kommentare

  1. Zwei Herzen schlagen ach in meiner Brust. – Natürlich ist es um jeden Quadratmeter Erde schade, der nicht mehr biologisch bebaut wird. Und das empfinde ich vor allem bei kleinen Betrieben, die finanziell nicht mehr über die Runden kommen. Aber liegt es gerade bei denen an der Anbaumethode?

    Und was für ein Bio ist „(EU-)Bio“ überhaupt – vor allem das „EU-Bio“ aus Nicht-EU-Ländern (die weniger strengere Regeln beachten müssen)? Trägt der Best-in-Class Ansatz im biologischen Landbau? Ist ein bisschen Bio wirklich so viel besser als konventionelle Landwirtschaft? 95 Hühner eingepfercht-geimpft und 5 freilaufend-natürlich auf ein und demselben Hof? Das Biofutter dazugekauft und die Hühnergülle auf die Rapsmonokulturen?

    „Das ist mehr oder weniger Bio, das essen wir ja selbst. Aber den Zertifizierungszirkus, den wollen wir uns nicht zumuten.“ Den Bauern auf dem Markt, bei denen ich immer einkaufe, glaube ich das. Und was mir der Discounter als Bio vorsetzt: Ist es das, was ich unter Bio verstehe, was ich haben will? Ein Beitrag zur Gesundung der Erde und eine verantwortungsvolle Tierhaltung? Ich habe da meine Zweifel.

    Deshalb kaufe ich immer mehr nach dem Motto: Wenn schon Bio, dann auch richtig. Bioland, Demeter, Naturland, Gäa, Ecoland, Biokreis und nicht zu vergessen Ecovin 😉 – die kann selbst ich mir merken.

    Und wenn der Biohoferbe nicht in Bio weitermachen will, sollten wir mal nach einem zeitgemäßen Erbrecht fragen. Aber das ist dann ein ganz anderes Thema.

    1. Hallo Jochen, Deine Anmerkungen kann ich sehr gut nachvollziehen. Ich hege seit Beginn meines Bio-Konsums Zweifel an globalen Bio-Siegeln und diverse Skandale schüren neue. Dennoch kaufe ich im Supermarkt gegbenenfalls eher die Bio-Alternative, weil ich damit auch ein politisches Zeichen setzen will. Und habe ich die Wahl, greife auch ich eher zu Demeter & Co. als zu EU-Bio.

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