Sündenfall Jeans – ökologische und soziale Folgen der Jeans-Produktion

Eine Jeans ist fast jedermanns Lieblingsstück, ganz egal, wo auf dieser Welt. Ein Exemplar hat fast jeder Mensch, in deutschen Kleiderschränken liegen im Schnitt sogar acht Paar Jeans – bei mir sind es derzeit elf. Das und, dass wir bei Jeans zu 95 Prozent Baumwoll-Jeans bevorzugen, zeigte der Global Lifestyle Monitor 2012, eine Studie, die alle zwei Jahre vom Cotton Council International durchgeführt wird.

140 Jahre Jeans: Never ending Love

Am 20. Mai diesen Jahres jährt sich zum 140. Mal der Tag, an dem einst Levi Strauss, der 1853 Bayern in Richtung San Francisco verließ, um dem Ruf des Goldes zu folgen, die gemeinsam mit dem Schneider Jacob Davis entwickelte erste genietete Denimhose „Modell 501 Jeans“ patentieren (US-Patent-Nr. 139121) ließ. Die älteste derzeit erhaltene Jeans stammt aus dieser Zeit. Sie liegt in einem Tresor in der Battery Street in San Francisco, wo das Jeans-Unternehmen Levi’s seinen Stammsitz hat. Bis Jahresende 1873 verkauften Strauss und Davis laut Wikipedia 5.875 Dutzend ihrer Hosen und Mäntel aus Denim.

Heute  werden laut Schätzungen 1,8 Milliarden Jeans  pro Jahr weltweit neu produziert. Die Deutschen zählen übrigens zu den besten Kunden für neue Jeans: Mehr als vier Fünftel (85 Prozent) von uns tragen laut der oben erwähnten Studie gerne oder sehr gerne Jeans. Damit liegen wir vor den Briten (64 Prozent) und Italienern (71 Prozent).

Ich gebe zu, ich gehöre zur Zielgruppe Jeansliebhaber. Ich liebe Jeans. Ich gebe dafür auch gerne viel Geld aus. Doch ich weiß auch, dass die Produktion und Veredelung einer Jeans die derzeit größte textile Umweltsünde ist.

Sündenfall Jeans: Die textile Umweltsünde

Der Großteil der Jeans besteht aus Baumwolle. Der größte Teil des „weißen Goldes“ (fast vier Fünftel: 78 Prozent) wird in China, den USA, Indien, Pakistan, Usbekistan und der Türkei angebaut. 38 Prozent aller textilen Fasern sind heute aus Baumwolle. Gut zu wissen: Bio-Baumwolle kommt laut Greenpeace auf einen Anteil von 0,1 Prozent.

Die Nachfrage nach Baumwolle steigt, deshalb versucht man, die Erträge pro Anbaufläche (Baumwolle bewächst 2,4 Prozent der Weltackerfläche) zu steigern. Herkömmliche Baumwolle wird als Monokultur angepflanzt. Mit intensiver Nutzung von

  • Kunstdünger
  • Pestiziden
  • Insektiziden
  • und Bewässerung

konnte der Ertrag der Flächen in den vergangenen 20 Jahren um etwa das Dreifache gesteigert werden, sagt Greenpeace. Obwohl die Anbaufläche insgesamt in etwa gleich groß blieb.

Obwohl Baumwolle nur auf knapp 2,5 Prozent der globalen Anbauflächen wächst, nutzt man für die Produktion herkömmlicher Baumwolle ein Viertel aller weltweit eingesetzten Pestizide und Insektizide und ein Zwölftel bis ein Zehntel des chemischen Düngers, der weltweit zum Einsatz kommt. Ein Paper

Laut des wearfair-Papers „Daten und Fakten zu sozialer und ökologischer Bekleidung“ von 2011 schätzt die Weltgesundheitsorganisation (kurz: WHO), dass jedes Jahr 20.000 Menschen an Vergiftungen mit Pestiziden wie Endosulfan sterben. 150 Gramm Pestizide benötige man demnach beispielsweise zur Herstellung eines Baumwoll-Shirts. 25 Millionen weitere Menschen, die in der Baumwollproduktion arbeiten, vor allem in den sogenannten Entwicklungsländern, erlitten demzufolge akute Vergiftungen wegen ihres Kontakts mit Pestiziden. Die Folgeschäden für die Gesundheit sind dramatisch: Sie reichen von Atembeschwerden über Krebs bis hin zur Unfruchtbarkeit oder der Missbildung Neugeborener.

Man schätzt, dass ein bis sechs Prozent des Süßwassers, das weltweit verbraucht wird, für die Baumwollproduktion verwendet wird. 29.000 Liter Wasser gehen drauf, um ein einziges Kilogramm Baumwolle zu produzieren. Und da sind die Wassermassen noch gar nicht einberechnet, die bei der Veredelung der Baumwolle (zum Beispiel fürs Färben) benötigt werden!

Pro Shirt sollen das etwa 16 bis 20 Liter Wasser sein. Wobei vier Fünftel der Färbemittel in den Fabriken blieben und das restliche Fünftel mit dem Abwasser in die Kanalisation geleitet werde, heißt es in dem wearfair-Paper weiter: Das summiere sich demnach auf 40 bis 50 Tausend Tonnen Färbemittel, die in die Wassersysteme der Umwelt vor Ort gelangten. Die Farben sind jedoch nicht die einzigen Chemikalien, die über die Kanalisation in die Umwelt gespült werden.

Sündenfall Jeans: die Jeans-Veredelung

Gleichmäßig dunkelblau gefärbte Jeans sind in der Regel die ökologischeren. Doch die sind derzeit nicht die gefragtesten Modelle. Up to date sind neben bedruckten Jeans ausgewaschene Modelle im Used-Look, die aussehen, als hätte sie einer der Goldgräber aus der alten Zeit gerade ausgezogen. Dieser modische Style hat seinen Preis – gezahlt von den Textilarbeitern und deren Umwelt. Und von uns Käufern. Mehrere Hundert Euro sind heute keine Seltenheit, wenn es um Designerjeanspreise geht.

Damit eine zunächst blau gefärbte Jeans aussieht wie „gebraucht“, muss sie veredelt werden. Was schön klingt, ist eine ökologische und gesundheitliche Schweinerei: Bis zu 8.000 Chemikalien setzt man heute weltweit ein, um Jeans zu veredeln. Es wird gebleicht. Es wird geschossen: mit Sand. Sandstrahlverfahren heißt die Technologie, die den Jeansstoff optisch im Nu um Jahre altern lässt. Doch nicht nur das: Die Arbeiter, die die Sandstrahlpistole führen, erleiden dabei häufig schwere Gesundheitsschäden, denn der feine Sandstaub gelangt in die Lungen der Arbeiter, nicht selten in die der gesamte Fabrikbelegschaft. Auf den Sandstrahl folgt chemische Bleiche. Dann wird der Stoff geschmirgelt, gerissen und zerfetzt. Eindrucksvoll dokumentierten zwei Kollegen des NDR, Michael Höft und Christian Jentzsch, 2012 die katastrophalen Zustände in der Jeans-Produktion in ihrem Film „Der Preis der Blue Jeans„, den man beim NDR online ansehen kann.

Sündenfall Jeans: die langen Produktionswege rund um die Welt

Und nicht nur das: Kaum eine Branche ist so auf die Welt verteilt, wie die textile Branche. Die für die Klimabilanz katastrophale Reiseroute eines T-Shirts beträgt nicht selten an die 20.000 Kilometer. Das entspricht einer dreifachen Erdumrundung. Und es kommt noch dicker: Da die Modewelt längst nicht mehr im zweisaisonalen Takt (Frühjahr/Sommer und Herbst/Winter) sondern mindestens im viersaisonalen Takt schlägt, muss immer schneller produziert werden. Und das erfordert schnellere Transportmittel. Ökologisch vorteilhafte Schiffe sind gegenüber Flugzeugen zu langsam, obwohl Schiffe nur ein Zwölftel der CO2-Emissionen produzieren, die bei Flügen anfallen.

Sündenfall Jeans: die soziale Sünde

Dreißig Millionen Menschen arbeiten heute in der Textilindustrie. Drei Viertel der Kleidung stammt aus den sogenannten Entwicklungsländern. Für asiatische Textilarbeiter ist das der Alltag:

  • 70 und mehr Stunden Arbeit pro Woche (Akkordarbeit)
  • 12 bis 18 Stunden Arbeit pro Tag bei 30 Tagesschichten pro Monat,
  • keine geregelte Pausen, oft unzumutbare Arbeitsumgebung in Hitze, Staub und Gift
  • keine Arbeitssicherheitsmaßnahmen, keine Schutzmaßnahmen

Dafür werden Löhne gezahlt, die extrem niedrig sind. Eine gewerkschaftliche Organisation ist den meisten Arbeiter (bis zu 90 Prozent der Textilarbeiter sind Frauen!) verboten. Kinderarbeit ist alltäglich. wearfair rechnet vor, dass etwa ein Prozent des Verkaufserlöses als Lohn bei dessen Näherin lande. Schlimmer noch: Eine Jeans kostet in der Produktion in China um die drei vier Euro – egal, ob sie später als Designer-Stück verkauft wird oder im Billigdiscounter. Für die Preisunterschiede machen Experten vor allem Werbungskosten und Markennamen verantwortlich.

Die ökologische Alternative: Bio-Jeans?

Umweltbewusste Verbraucher wie ich suchen nach Bio-Jeans. Keine leichte Sache, das kann ich Euch sagen. Doch sind Bio-Jeans wirklich Bio? Nicht unbedingt! Warum auch eine Bio-Jeans ein Sündenfall sein kann, erkläre ich im Folge-Artikel „Die erste 100-prozentige Bio-Jeans-Veredelung der Welt“ – in Kürze hier.

Foto: Öko-Projekt Ha Nam, Hans-Jörg Hamann

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