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Kampf den Keimen: Antibakterielle Mittel im Haushalt überflüssig?

Als Deutschland im Frühsommer 2011 von einem Keim namens Ehec befallen wurde, der mehr als 3.800 Menschen schwer und schwerer krank machte und 53 sogar tötete, hatte ich große Sorge um die Gesundheit meiner Lieben. Ich muss dazu sagen, ich bin ein waschechter Hypochonder. Das ist ziemlich ungünstig, wenn man wie ich als Online-Journalist arbeitet, denn die große Recherchequelle Internet sprudelt ja nur so von Informationen zu allem, an dem Mensch erkranken könnte. Hinzu kam damals meine stillbedingte, höchstsensible Hormonlage, die von meiner Nr. 3 herrührte. Kurz: Ich war ein nervliches Wrack im Ehec-Sommer 2011. Ich hatte unzählige Desinfektionsmittel immer dabei, desinfizierte meine Kinder und mich großflächig, wenn sie zum Beispiel den Knopf im U-Bahn-Fahrstuhl berührten und putzte selbstverständlich auch daheim nur noch mit antibakteriellem Zeug. Der Begriff waschechter Hypochonder bekommt im Zusammenhang mit meinem antibakteriellen Waschen und Putzen eine ganz eigene Note!

Und das, so muss ich gestehen, also das Putzen mit dem Anti-Keim-Putzzeug, tat ich wider besseren Wissens. Eigentlich wusste ich schon damals seit Jahren um die Testergebnisse von Testinstituten wie Stiftung Warentest (2000), von den Einschätzungen des Bundesinstituts für Risikobewertung (Bf, ebenfalls aus dem Jahr 2000) und verschiedenen Studien, die alle besagten, dass das Putzen mit antibakteriellen Putzmitteln in einem Haushalt unnötig sei. Zumindest dann, wenn dort niemand an einer ansteckenden Krankheit leidet. Das war bei uns der Fall. Alle gesund. Gott sei Dank. Ehec jagte mir jedoch so einen Schrecken ein, der sich mit der Höchstempfindsamkeit einer Stillmama von drei Kindern paarte, dass ich desinfizierte, was die Desinfektions-Industrie hergab. Und auch heute noch Desinfektionsputzmittel nutze.

Heute nun schreibt das Verbrauchermagazin ÖKO-TEST in seiner neusten Ausgabe:

„Antibakterielle Produkte sind überflüssig.“

Das Resümee ziehen die ÖKO-TESTer in einem aktuellen Test. Darin wurden

  • Desinfektionssprays,
  • Desinfektionstücher,
  • Desinfektionsgels
  • und Desinfektionsseifen

 

unter die Lupe genommen. Mit dem ernüchternden Testergebnis: Diese Produkte brächten dem Verbraucher keinen hygienischen Vorteil.

Im Gegenteil: Laut den ÖKO-TESTern steckten in „einigen Marken bedenkliche Stoffe“, „die unter anderem zu Resistenzen gegen Keime führen oder Allergien auslösen können“.

Die ÖKO-TESTer schreiben in ihrer entsprechenden Pressemitteilung, dass „antibakterielle Produkte … laut Hersteller bis zu 99,999 Prozent aller Bakterien und Viren wegputzen“ sollen. Ob das für uns Verbraucher Sinn machte, war die Frage, der die Verbraucherschützer nachgehen wollten. Laut ihrem Testergebnis könnte ich mir das Geld für antibakterielle Putzmittel sparen. Denn: „Kein Hersteller konnte eine Studie vorlegen, aus der hervorgeht, dass der Verbraucher einen Gesundheitsvorteil durch die Anwendung des Produktes gegenüber einer ganz normalen regelmäßigen Hygiene hat“, heißt es in der Pressemeldung weiter.

Schlimmstenfalls verwendeten die Hersteller in „einigen Marken Benzalkoniumchlorid als antibakterieller Stoff“.  Dieser könne demnach zu „Resistenzen bei Pseudomonas aeruginosa führen – einem hartnäckigen Keim, der in Krankenhäusern für Infektionen verantwortlich ist. Zudem können Benzalkoniumchlorid und andere quartäre Ammoniumverbindungen  die Zellmembran angreifen und Allergien auslösen. In einigen Produkten stecken  halogenorganische Verbindungen,  darunter das für seine allergieauslösende Wirkung bekannte Methylchlorisothiazolinon“.

Die ÖKO-TESTer empfehlen daher, „auf antibakterielle Mittel zu verzichten. Denn gründliches Händewaschen ist die einfachste Hygienemaßnahme und entfernt 90 bis 99 Prozent der Keime. Sollte der Arzt aus medizinischen Gründen eine Desinfektion anordnen, sind Produkte, die auch im medizinischen Bereich verwendet werden, ratsam“.

Ich muss jetzt noch erwähnen, dass ich seit ich mich im Ehec-Sommer 2011 nahezu 100 Mal am Tag mit dem Desinfektionszeug gereinigt habe, an einem fürchterlichen Ekzem an der Hand leide. Und das ist nicht hypochondrisch eingebildet, sondern schmerzlich real. Selbst Schuld, könnte ich jetzt schreiben. Stimmt. Stimmt aber irgendwie auch nicht. Denn wer einerseits für sein Produkt Desinfektion suggeriert, sollte mich mit seinem Desinfektionsmittel nicht krank machen.

Das ÖKO-TEST-Magazin März 2015 gibt es seit dem 27. Februar 2015 im Zeitschriftenhandel. Das Heft kostet 4,50 Euro.

Foto: ÖKO-TEST

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