Herzpflaume_Gemüse-und-Obst-mit-Fehlern

Makellos schön – (k)eine Frage des Geschmacks, oder?

Der Schönheitswahn unserer Zeit macht vor unseren Lebensmitteln offensichtlich nicht halt. Doch erwarten Verbraucher tatsächlich nur Obst und Gemüse ohne Schönheitsfehler im Handel? Ein Schönheitsfleck, eine Verfärbung  oder eine Verkrümmung sind doch natürlich, sortengerecht und mindern den guten Geschmack keineswegs – oder? 

Die sogenannten EU-Handelsnormen für Obst und Gemüse sind – wenn nicht schon 2009 abgeschafft  – so inzwischen doch erheblich gelockert worden. Dennoch findet man in so manchem Supermarkt kaum anderes als zumindest optisch perfektes Obst und Gemüse.

Wer nun glaubt, heutzutage wachse dies ohne Schönheitsfehler heran, der irrt sich. Schon die Erzeuger sortieren all das Gemüse und Obst mit Schhönheitsfehler aus und entsorgen, was nicht der Handelsnorm entsprechend gewachsen sind. Der Bayrische Rundfunk beziffert den „Ausschuss“ auf rund 15 Prozent pro Erzeuger, wovon „fünf bis zehn Prozent wegen der rigiden Wünsche des Handels“ anfallen. Ausschuss, der teilweise das Feld gar nicht mehr verlässt und untergepflügt wird. Oder an Tiere verfüttert wird. Was für ein Wahnsinn!

Gut zu wissen: Die Presse listet in ihrer Online-Ausgabe folgende Zahlen auf:

  • 45 Prozent der in Europa angebauten Lebensmittel kämen nicht in den Handel und/oder würden teilweise gar nicht erst geerntet.
  • 20 Prozent davon seien Verluste auf dem Feld (schadhafte Früchte), die beispielsweise durch Unwetter entstünden.
  • 20 Prozent fielen demnach in der Produktion weg, zum Beispiel wegen einer Überkalkulation.
  • 10 bis 12 Prozent würden in privaten Haushalten vernichtet.

Nachtrag neuer Fakten dank neuer Studie: 1/3 der Obst- und Gemüse-Erträge seien zu hässlich zum Verkaufen

Mehr als ein Drittel des in der EU angebauten Obsts und Gemüses erreiche nie die Regale der Supermärkte, weil es unförmig sei und/oder die falsche Größe habe. Das fanden laut einem Bericht auf dem Fruchtportal.de Forscher der Universität von Edinburgh heraus, die für eine Studie Details zum Lebensmittelverlust und Abfall in dem europäischen Wirtschaftsraum untersuchten. Die Studie wurde im „Journal of Cleaner Production“ veröffentlicht.

Die  Wissenschaftler nennen als Gründe dafür, dass Lebensmittel jedes Jahr weggeworfen werden, bevor sie den Point of Sale erreichten

  • strenge Regierungsregelungen,
  • hohe Standards der Supermärkte
  • und Erwartungen der Verbraucher bezüglich des Aussehens von Obst- und Gemüse

Schönheit – keine Geschmackssache!

Mal ehrlich: Eine Karotte, die nicht gerade gewachsen ist, nach Handelsnorm zu leicht ist, Narben oder Warzen hat, schmeckt nicht anders als eine, die Modelmaße mitbringt. Schließlich kommt‘s auf die inneren Werte, also die Nährwerte an, oder etwa nicht?

Und wer da ja jetzt sagt, „Aber das Auge isst doch auch mit!“, dem entgegne ich: „Vom Gucken allein wird man nicht satt.“

Aktionen wider den Verschwendungswahn

Erzeuger, Händler und Verbraucher: Alle müssen umdenken. Makellos schön ist bei Lebensmitteln keine Frage des guten oder schlechten Geschmacks. Zum Glück gibt es eine ganze Reihe von Beispielen, die ein solches Umdenken bereits belegen. Einige will ich hier näher vorstellen:

  • Culinary Misfits– esst die ganze Ernte!“: Zwei Berlinerinnen, die sich auf essbare Sonderlinge (Misfits) spezialisiert haben und „krumme Gurken, Karotten mit drei Beinen oder knollige Kartoffeln“ als Rohstoff verkaufen oder zu köstlichen Gerichten verarbeiten. Wer mehr zu dem Catering-Service von den beiden Produktdesignerinnen Tanja Krakowski und Lea Brumsack wissen will, liest hier.
  • Die Schweizer Supermarktkette Coop brachte in diesem Sommer Walliser Marillen (Aprikosen) mit Hagelschäden auf den Markt. Die Früchte wurden wegen der optischen Makel unter der Marke „Ünique“ zu einem günstigeren Preis verkauft. Die Aprikosenaktion sei jedoch nur der erste Schritt, „damit möglichst alle geniessbaren Früchte und Gemüse gegessen werden“, heißt es seitens Coop. In einem zweiten Schritt nahm Coop nach eigenen Angaben seit Ende August 2013 übergroße, besonders kleine und unförmige Gemüsesorten ins Sortiment auf.
  • Die Rewe-Gruppe verkauft seit 2013 Äpfel, Karotten und Kartoffeln, die nicht perfekt aussehen.

Harmlose Schönheitsfehler bei Obst und Gemüse

Im Rahmen seiner Kampagne „Zu gut für die Tonne“ listet das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft folgende harmlose Schönheitsfehler verschiedener Obst- und Gemüsesorten auf:

  • Zitronen und Orangen: grüne Färbung oder grün gefärbte Stellen trotz Reife, kleine vernarbte Stellen an der Schale, Zitronen: wellige Haut
  • Möhrenkleine oberflächliche Risse, die austrocknen, gebrochene Möhren, zwei- und dreibeinige Möhren, grüne Stellen
  • Zwiebeln: Wasserflecken, fehlende Schale
  • Tomaten: Blütenstaub (abwaschbar!), kleine Risse, die vernarbt sind („Reißverschluss“ beeinflusst weder Qualität noch Haltbarkeit oder Geschmack)
  • Champignons: schuppige Haut
  • Avocado: Fehler an der Schale

Ich gehe nicht davon aus, dass demnächst die essbaren Sonderlinge die Regale in den Märkten dominieren werden. Doch ich hoffe, dass sie neben den perfekt geformten Exemplaren ihren Platz finden. Und uns Verbrauchern so die Vielfalt der Natur greifbar machen. Was dann schlussendlich im Einkaufskorb landet, entscheidet jeder selbst. So wie ich:

Ich habe heute Morgen auf dem Wochenmarkt bei meinem Apfelhändler aus dem Alten Land auch Früchte aus der Kiste mit den aussortierten Sonderlingen gekauft. Dass ich die nicht alleine esse, sondern meinen Kindern damit beibringe, dass sie trotz Warze oder anderer Form genauso wie ihre verwandten Schönlinge schmecken, ist mein alltäglicher Beitrag gegen den Schönheitswahn und die Verschwendungssucht bei Lebensmitteln.

Foto: Doreen Brumme

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